Alte Ansprüche auf Ostvermögen heizen Spekulationen an

Von Nikolaus Piper

Manchmal gelingt es der Börse tatsächlich, die Zukunft vorwegzunehmen. Am 10. November 1989, einen Tag nach Öffnung der Mauer, erlebte der Aktienmarkt in der Bundesrepublik eine spektakuläre Hausse; die Spekulanten setzten bereits auf die Vereinigung der beiden deutschen Staaten, ein Ereignis, das noch in weiter Ferne schien.

Die Ostphantasie beflügelte damals auch eines der skurrilsten deutschen Wertpapiere: die "Liquidationsanteilscheine" der "I.G. Farbenindustrie Aktiengesellschaft in Abwicklung" oder, wie es im Börsenjargon heißt, die "I.G. Farben-Liquis". Die Scheine – es sind die letzten börsennotierten Wertpapiere, die noch auf Reichsmark lauten – kosteten Anfang Oktober 1989 noch etwa zwölf Mark, im vergangenen Juli erreichten sie einen Spitzenwert von 31 Mark. Inzwischen liegt der Kurs wieder bei etwa 28 Mark.

Die Kurssprünge haben eine ganz reale Ursache: Denn die I.G. Farben i.A. macht seit 38 Jahren nichts anderes, als das Restvermögen des untergegangenen I.G.-Farben-Kartells zu verwerten. Und vierzig Prozent dieses Vermögens liegen auf dem Gebiet der ehemaligen DDR, darunter so berühmte Adressen wie die Leunawerke, das Plastewerk in Schkopau bei Leipzig oder die Aluminiumwerke Bitterfeld. In den Jahren des realen Sozialismus im Osten Deutschlands galt das Vermögen als unwiederbringlich verloren.

Doch heute sieht das ganz anders aus: Fristgerecht zum 13. Oktober reichte die I.G. Farben i.A. beim Liegenschaftsamt in Merseburg ihre Ansprüche auf die alten Reichtümer ein: 13,5 Millionen Quadratmeter bebautes und 86,5 Millionen Quadratmeter unbebautes Land aus dem Besitz der I.G. Farben selbst, dazu 51 Millionen Quadratmeter Grund aus dem Fundus von Konzerngesellschaften. Alle Immobilien zusammen hatten in der Bilanz vom 31. Dezember 1944 einen Wert von rund einer Milliarde Reichsmark. Daß ihre Hoffnungen nicht auf Sand gebaut sind, bekamen die Liqui-Spekulanten kurz nach dem Stichtag sogar quasi-offiziell bestätigt: Wolfgang Nautsch von der Direktion Recht der Treuhandanstalt in Berlin erklärte öffentlich, die Ansprüche der I.G. Farben könnten durchaus rechtens sein.

Und plötzlich ist die Firma wieder in den Schlagzeilen. Während das "einträgliche Siechtum" (Capital) der "lebendigen Leiche" (tageszeitung) I.G. Farben i.A. in den vergangenen Jahren weitgehend unter Ausschluß der Öffentlichkeit stattfand, geben sich jetzt Journalisten und Fernsehteams im I.G.-Farben-Büro in der Frankfurter Silberbornstraße die Klinke in die Hand. Es ist nicht nur die schiere Höhe der I.G.-Farben-Ansprüche im Osten, es ist vor allem die düstere Geschichte des Kartells, die manchen im In- und Ausland hellhörig gemacht hat.