Die freudlose Wüste – Seite 1

Von Andreas Kilb

So beschreibt Paul Bowles Kit Moresby: "Klein, mit blonden Haaren und einem olivfarbenen Teint, bewahrte die Intensität ihres Blickes sie davor, niedlich zu wirken. Wenn man einmal ihre Augen gesehen hatte, verblaßte der Rest des Gesichtes zu einem unbestimmten Eindruck, und wenn man sich später vorzustellen versuchte, wie sie aussah, blieb nichts als die durchdringende, fragende Wildheit der großen Augen übrig."

Einige Wochen und 250 Romanseiten später ist dieser Blick zerbrochen, die Wildheit der Augen erloschen. Teilnahmslos läßt sich Kit zu dem Flugzeug führen, das sie nach Oran zurückbringt, fort aus der Wüstenstadt im Sudan, in der sie als Geliebte eines Karawanenführers eine kleine, schreckliche und lustvolle Ewigkeit verbracht hat, eingesperrt und unerkannt, von Fremden umgeben, ohne Raum- und Zeitgefühl. Kit Moresby hat alles verloren: ihren Mann, ihre Kleider, ihren Paß, ihre Erinnerung. Als die Maschine startet, blickt Kit zum Himmel auf, und auf einmal ist ihr, als risse der riesige leere Raum über ihr entzwei: Jemand hatte ihr einmal gesagt, der Himmel verberge die Finsternis, die hinter ihm lauere, schütze den Menschen vor den Schrecken, die über ihm drohten. Ohne zu zucken, fixierte sie die undurchsichtige Leere, und die Angst wurde wach in ihr. Jeden Augenblick konnte der Riß kommen, die Ränder würden sich aufrollen, und die gigantischen Eingeweide würden entblößt daliegen."

Der leere Himmel und das Nichts, die Fremde, die Lust und die Angst; eine Reise durch die Wüste, ein toter Mann, eine Frau ohne Gedächtnis – in Europa gibt es einen Regisseur, zu dem solche Geschichten besser passen als zu irgendeinem anderen: Bernardo Bertolucci.

Debra Winger spielt Kit Moresby. Sie hat kurze braune Haare und dunkle Augen, und ihr Blick ist weder wild noch fragend, sondern mal freundlich, mal unsicher, mal zornig oder verzweifelt. Das ist nicht schlimm.

Schlimmer ist, daß Debra Winger in diesem Film keinen Moment lang aussieht wie eine Frau, die sich gehenläßt, die ihre Vergangenheit und ihre Zukunft aufgibt und sich dem Zufall zum Fraß vorwirft. Selbst als Gefangene im Turm wirkt Debra Winger wie eine amerikanische Touristin, die gerade eine interessante Erfahrung macht. Wenn sie sich fürchten müßte, ist sie nur ängstlich. Wenn sie schweigen müßte, hält sie nur den Mund.

Debra Winger macht die Geschichte eine Nummer kleiner. John Malkovich macht sie einen Grad unglaubwürdiger. Malkovich spielt Port Moresby, den Ehemann von Kit. Am ersten Abend in Oran verläßt Port das Hotel und streift alleine durch die Stadt. Ein Araber spricht ihn an und führt ihn zu einer Prostituierten. Nachdem er sein Vergnügen gehabt hat, muß Port um sein Leben laufen. John Malkovich erledigt auch diese Aufgabe mit souveräner Lässigkeit. Als Valmont in Stephen Frears’ "Gefährliche Liebschaften" war Malkovich eine Idealbesetzung. Die Welt des Port Moresby wird ihm immer ein Rätsel bleiben.

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Kit und Port haben Amerika verlassen und Europa den Rücken gekehrt, um die Erinnerung an den Krieg – die Geschichte spielt 1947 – endgültig loszuwerden. Tunner, ein alter Freund, begleitet sie. Campbell Scott spielt Tunner. Diesen Mann kann man nicht beschreiben. Er ist das reine Nichts, die pure Leere, der Statist-als-Statist. Der erste Teil von Bowles’ Roman erzählt eine Dreiecksgeschichte, aber im Film fällt diese Geschichte aus, weil am Tunnerschen Ende des Dreiecks nur Luft ist. So fordert die freudlose Wüste ihr erstes Opfer.

Wer einen großen Roman verfilmt, tut entweder der Literatur unrecht oder dem Kino. Bertolucci, scheint mir, hat schon bei den Dreharbeiten gespürt, daß ihm beides unterlaufen würde. Deshalb hat er Paul Bowles dort postiert, wo kein Schriftsteller in seiner eigenen Geschichte stehen darf: vor der Kamera. Am Anfang und am Ende des Films lehnt Bowles schweigend am Cafetisch in Oran und schaut mit traurigen Augen auf die Figuren, die er erfunden hat, und aus weiter Ferne spricht seine Stimme Sätze aus dem Roman, Paul Bowles sollte für Bertolucci die Rolle des Mitwissers und Komplizen spielen. Er ist zum steinernen Zeugen seines Scheiterns geworden: ein Engel der Vergeblichkeit.

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"The Sheltering Sky" heißt der Roman, den Paul Bowles vor 43 Jahren geschrieben hat: Der schützende Himmel. Auf deutsch ist daraus "Der Himmel über der Wüste" geworden. Der Wüstenhimmel ist das mindeste, was Vittorio Storaros Kamera zeigen müßte. Sie zeigt ihn nicht. Man sieht dem Film an, daß er mit der Stoppuhr geschnitten, daß alles, was über die bloße Abbildung des Geschehens hinausging, ausgemustert wurde. Bertoluccis "Himmel über der Wüste" dauert knapp zwei Stunden. Das ist die Schmerzgrenze auf dem amerikanischen Kino-Markt, wo der Film sein Budget wieder einspielen muß. Bertolucci spart an den Bildern, was er für die Starschauspieler verpraßt hat. So schafft sich das Geld seine eigene Ästhetik.

Über dem schützenden Himmel ist das Nichts. Unter der Himmelshülle kriechen die Menschen wie Insekten über die Erde, ziellos und blind, bis sie an den Ort der unwiderruflichen Entscheidung gelangen, den Schauplatz des Sterbens, den Weg ohne Wiederkehr. Wie Camus’ "Fremder" findet Port Moresby in Afrika den Tod, wie die Stadtmenschen aus Camus’ "Pest" stirbt er an einer Seuche.

Aber die Einsamkeit seines Helden ist für Paul Bowles, anders als für Sartre und Camus, kein metaphysisches, sondern ein menschliches Verhängnis. Kit und Port gehen zugrunde, weil einer den anderen aufgegeben hat. Die Nacht, in der Port an Typhus stirbt, verbringt Kit in Tunners Armen. Sie tötet Port, indem sie ihn verrät. Die Seele, heißt es in "The Sheltering Sky" einmal, sei der müdeste Teil des Körpers. Nur wer im anderen schon gestorben ist, verliert den eigenen Kampf mit dem Tod. Das ist Bowles’ Version des Existentialismus.

In Bertoluccis "Himmel über der Wüste" ist die Geschichte der müdeste Teil des Films. So großartig die Landschaften sind, die die Kamera auf ihrer Wüsten-Odyssee streift, so schal ist die Erzählung. Aus dem "späten Manieristen", als den Karsten Witte den Regisseur einst portraitiert hat, ist ein verschlafener Klassizist geworden, ein farbloser Nachfahre des Kino-Epikers David Lean. Leans Klassiker "Lawrence von Arabien" läuft zur Zeit wieder im deutschen Kino: ein Grund mehr, Bertoluccis Bowles-Verfilmung zu verpassen. Denn bei Lean kann man sehen, was bei seinem Schüler Bertolucci fehlt: den Himmel über der Wüste. Und das Nichts dahinter.

Siehe Seite 75: Ein Portrait des Schriftstellers Paul Bowles