Der Gemeinschaftsdiagnose der deutschen wirtschaftswissenschaftlichen Institute sah man in diesem Herbst mit besonderer Spannung entgegen. Die Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Die Institute haben sich stärker von dem Einerlei der bloßen Konjunkturdiagnose gelöst; im Streit der sachlichen Meinungen und wilden Vermutungen über die sogenannten "Kosten der Einheit" vermitteln sie ein anschauliches und klares Bild von den Strukturproblemen der deutschen Einigung und wagen unter genauen Konditionen eine umfassende Schätzung der Staatsausgaben für die Einheit. Wir können uns beglückwünschen, daß wir in Deutschland eine Reihe von unabhängigen Instanzen besitzen, die (neben dem Sachverständigenrat und den Beiräten der Ministerien) die Wirtschafts- und Finanzpolitik der Regierung wissenschaftlich-kritisch begleiten.

Die Berechnungen der Institute lassen sich aus dem Text und dem Zahlenwerk des Gutachtens in einer folgenden Tabelle zusammenfassen:

Aus dieser Tabelle ist unschwer zu erkennen, daß die gewaltigen Transfers von West nach Ost das gesamtstaatliche Defizit bestimmen (die rechnerische Differenz der Zahlungen zum Defizit stellt im wesentlichen das westdeutsche Defizit dar). Zum großen Unterschied zwischen dem Defizit des Staatssektors gemäß der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung und dem Nettokreditbedarf gemäß der Finanzstatistik bemerken die Institute: "Da die westdeutsche Sozialversicherung mit ihren Überschüssen aber den Kapitalmarkt alimentiert, ist für die Beurteilung der effektiven staatlichen Kapitalmarktbeanspruchung im Jahre 1991 das ... Defizit in der Abgrenzung der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung von 90 Mrd DM relevant."

Die Institute versuchen, die Lage rückhaltlos und ohne Beschönigung zu analysieren. Der Satz: "insgesamt hat sich in Ostdeutschland die Entwicklung der Einkommen und des Konsums von der der Produktion weitgehend entkoppelt", könnte glauben lassen, die neuen Bundesländer seien auf dem Wege ins Mezzogiorno. Die Arbeitslosenquote in Gesamtdeutschland wird auf fast zehn Prozent im Jahresdurchschnitt 1991 (1990: sechs Prozent) geschätzt. Mit der Fortsetzung der Talfahrt der Wirtschaft in Ostdeutschland wird bis in das Jahr 1991 gerechnet.

In dieser Zeit regen sich natürlich weiterhin neue Initiativen, Industrieproduktionen werden angepaßt, "Handel und Dienstleistungsbereiche erhöhen ihr Angebot", Infrastrukturinvestitionen kommen in Gang. Das reale Bruttosozialprodukt in Ostdeutschland dürfte im Jahresdurchschnitt um ungefähr ein Zehntel zurückgehen. Hinter dieser Annahme verbirgt sich ein starker Rückgang der Produktion in der ersten Jahreshälfte 1991, dem "eine spürbare Zunahme folgt". Die Talsohle oder der Wendepunkt läge also im Sommer nächsten Jahres. (Meiner Meinung nach ist diese Einschätzung etwas zu pessimistisch. Ich setze mehr auf das Frühjahr.)

Unter dem Vorbehalt dieser "mit besonders hoher Unsicherheit behafteten Prognose der wirtschaftlichen Entwicklung" stehen also die in der Tabelle aufgeführten Größenordnungen.

Nun zur Bewertung der Größenordnungen selbst. Keinesfalls sind alle Aufwendungen als "Kosten der Einheit" zu betrachten: Es handelt sich auch um Investitionen in die Zukunft der wirtschaftlichen Entwicklung der ehemaligen DDR. Auch die überaus hohen Aufwendungen für die Arbeitslosen und Kurzarbeiter in Ostdeutschland sind doch nicht einfach "Kosten", es sind Aufwendungen für die Erhaltung und die berufliche Umschulung des dortigen Humankapitals für den erwarteten künftigen Aufschwung. Besser wäre es schon, die Zinszahlungen für die neuen Defizite als "Kosten der Einheit" zu bezeichnen. Die Gesamtausgaben sind eben nicht gleich den Kosten.