Mißtrauen und Mißgunst prägen den Umgang zwischen Deutschen und Polen

Von Ilka Piepgras

Frankfurt an der Oder, im Oktober

Zwischen Frankfurt und Slubice ist die Oder etwa fünfzig Meter breit. Trübes, braunes Wasser fließt unter der mächtigen Brücke, dem Grenzübergang zwischen Deutschland und Polen. Am Brückenkopf in Slubice haben sich 200 Leute versammelt, einige tragen Transparente. Sie wollen nach Frankfurt hinüber und dürfen es nicht, denn polnische Bürger brauchen neuerdings ein Visum, um nach Deutschland reisen zu können. Die jungen Leute demonstrieren für einen uneingeschränkten Grenzverkehr.

Auch auf deutscher Seite hat sich ein Protest-Grüppchen eingefunden. Einer entrollt ein Plakat: "Keine Mauer an Oder und Neiße" steht darauf zu lesen, auf der Rückseite steht es auf polnisch geschrieben. Die Deutschen mit DDR-Ausweis dürfen die Grenze passieren. Als sie mit ihrem Plakat Richtung Osten marschieren, um dort die demonstrierenden Polen zu unterstützen, schallt es ihnen hinterher: "Kommunistenschweine".

Nach der Kundgebung hängt Uli Gödeker, Mitglied des Neuen Forum in Frankfurt, das zweisprachige Plakat in der Küche seiner verwinkelten Altbauwohnung auf. Es sei beschämend, daß nicht die deutsche, sondern die polnische Regierung am 6. Oktober die Grenze für die ehemaligen DDR-Bürger wieder geöffnet hat, schimpft er. "Ein Volk, das vierzig Jahre lang eingesperrt war, sollte das nicht zulassen", sagt der Facharbeiter in einem Energiekombinat. Gödeker beunruhigt das "gestörte Verhältnis zwischen Deutschen und Polen" im Grenzgebiet. Die Polen seien immer die Prügelknaben gewesen, "so tief wie die steht hier keiner in der Werteskala".

Die Ressentiments der Deutschen gegenüber ihren Nachbarn im Osten sind bekannt: Faul seien sie, verschlagen und unehrlich. Statt zu arbeiten, verdienten sie ihr Geld mit Schachern und Schwarzhandel. Solche Vorurteile sind auch in Frankfurt zu hören. Gödeker führt in einer dicken Kladde genau Buch über die zerrüttete deutschpolnische Nachbarschaft. Darin klebt zum Beispiel ein Leserbrief aus der Märkischen Oderzeitung vom 10. Februar: "Die Grenzschließung ist zu begrüßen, weil wir endlich nicht mehr von Polen ausgeplündert und ausgekauft werden."