Moskau, im Oktober

Die Einkreisung des ukrainischen Parlaments glich dem Zeltlager der chinesischen Studenten vor der Großen Halle des Volkes im Frühjahr 1989. Fast 150 Kommilitonen waren in den Hungerstreik getreten. Tausende versuchten, die Arbeiter aus den Betrieben Kiews zu holen. Zehntausende zogen mit den blau-gelben Farben des galizischen Fürsten Danilo durch die Straßen der 2,5-Millionen-Stadt, die einst als Zentrum der Kiewer Rus die gemeinsame staatliche Wiege von Ukrainern, Russen und Weißrussen gewesen war.

Doch der schon erwartete Sturm auf Kiew endete nicht blutig wie am Tor des Himmlischen Friedens, sondern zunächst mit einem neuen Einbruch in die Mauern des alten Imperiums. Unter dem Druck des nationalen Höhenflugs in der Westukraine und der sozialen Depression der Ostukraine mit den explosiven Streik-Drohungen im Kohle- und Industriezentrum Donbass kapitulierte in Kiew das "Reich der Mitte". Das ukrainische Parlament mit seiner konservativen Zweidrittelmehrheit aus Partei und Behörden versprach den Demonstranten seit Mitte vergangener Woche:

  • den Rücktritt des moskautreuen Ministerpräsidenten Vitalij Massol;
  • eine neue ukrainische Verfassung noch vor der Unterzeichnung irgendeines Föderationsvertrages mit Gorbatschows sowjetischer Zentralmacht, damit die Souveränitätserklärung der Ukraine vom 16. Juli nicht verwässert werde;
  • den Entwurf eines Gesetzes, das den Wehrdienst strikt auf das ukrainische Territorium begrenzen soll.

Gerade der letzte Punkt führt vor Augen, wie wenig die Kompromisse und Programme Präsident Gorbatschows derzeit die allgemeine Auflösung der gesamtstaatlichen Strukturen noch bremsen können und welches Gewicht der Ukraine zuwächst, die an Einwohnerzahl und Umfang etwa Frankreich gleichkommt. Zwar kämpfen längst mehrere der fünfzehn Sowjetrepubliken rigoros darum, ihre Rekruten nur noch in den eigenen Grenzen Dienst tun zu lassen. Doch wiegt das zweitgrößte slawische Land – größer als Polen, kleiner nur als Rußland – ungleich schwerer: Allein im Donbass-Raum leben mit acht Millionen Ukrainern und Russen mehr Menschen als in den drei baltischen Republiken zusammen.

Während die Demonstrationen in Kiew ihren Höhepunkt erreichten, während Michail Gorbatschow im Kreml die Endfassung seines Wirtschatsplans abzeichnete, führte der stellvertretende Parlamentspräsident der Ukraine, Wladimir Grinjow, in Moskau mit der sowjetischen Militärspitze Verhandlungen – in aller Stille, aber mit Konsequenzen, die vor wenigen Monaten noch undenkbar gewesen wären. Der 45jährige Grinjow, der im Kiewer Parlament zur reformierten Mitte gehört, die gegenüber den extremen Nationalisten und den konservativen Kommunisten an Boden gewinnt, verhandelte im Auftrag seines Obersten Sowjets über den Armeedienst der Ukrainer "jenseits der Grenzen" – also in der übrigen UdSSR.

"Ich habe", so Grinjow im kleinen Hotelzimmer der ukrainischen Vertretung schräg gegenüber dem Amtssitz des Moskauer Reformbürgermeisters Gawriil Popow, "unsere Vorstellungen erläutert, wie der Verteidigungsbeitrag der Gruppe souveräner Staaten im Rahmen der heutigen Sowjetunion aussehen kann: Die Armee muß zweigeteilt werden, zum einen in territoriale Einheiten, die ausschließlich dem Obersten Sowjet der Ukraine und der anderen Republiken unterstehen, zum anderen in Truppen der kollektiven Landesverteidigung wie Raketeneinheiten, Luftwaffe, Luftlandetruppen, Marine. Die Truppen der kollektiven Verteidigung dürfen sich nur aus Berufssoldaten zusammensetzen. Da der Übergang zur Berufsarmee nicht von heute auf morgen erfolgen kann, hat der Oberste Sowjet der Ukraine einen Dreistufenplan vorgeschlagen, der im Laufe eines Jahres zu verwirklichen ist. Noch in diesem Herbst müssen wir als Übergangslösung eine Quotenregelung für die Entsendung ukrainischer Soldaten in Gebiete außerhalb der Republik finden. Im nächsten Frühjahr muß sodann als nächster Schritt das Prinzip der Freiwilligkeit für den Dienst außerhalb der Ukraine eingeführt werden. Im Herbst 1991 erfolgt schließlich auf allen Ebenen der Übergang zur Berufsarmee."