Die Krise in der Sowjetunion verschärft sich von Woche zu Woche. Zur Wirtschaftsmisere kommen wachsende Kriminalität, Putschgerüchte und Aufruhr in den Republiken. Jetzt fordert die Ukraine sogar eigene Soldaten.

ZEIT:Als Innenminister haben Sie schon viele ethnische Zusammenstöße im Lande schlichten müssen und es dabei, wenn man so sagen darf, bereits mit lokalen Putschisten zu tun gehabt. Wie beurteilen Sie die immer wieder grassierenden Gerüchte über einen großen Putsch, einen möglichen Militär-Coup? Sehen Sie die Lage in dieser Hinsicht als stabil an?

Bakatin: Ich beurteile die Lage nicht als stabil. Sie ist sehr gespannt. Die Aufgabe unserer Behörde besteht darin, daß wir die Stabilität schützen müssen. Die Situation ist aber wirklich sehr ernst. Doch die grassierenden Gerüchte über irgendwelche Truppenbewegungen oder einen Militärputsch sind in der Tat nur Gerüchte. Ich kann jetzt nicht garantieren – obwohl es meine Aufgabe ist, zu garantieren –, daß die Situation nicht außer Kontrolle gerät. Die wichtigste Bedingung ist, Verständigung zwischen den verschiedenen Machtebenen zu erreichen. In diesem Fall wird es überhaupt keine Probleme geben. Wenn uns das nicht gelingt, dann kann es auch zu sozialen Spannungen kommen. Sie können in diesem Fall durch Hunger, Kälte oder ähnliches ausgelöst werden. Dann kann die Situation außer Kontrolle geraten. Aber es besteht keine reale Gefahr eines Militärputsches in der Sowjetunion.

ZEIT: Manche Stimmen aus Regierungskreisen betonen jetzt häufiger, daß die gespannte Lage und der Zerfall von Ordnung und Disziplin nicht zuletzt auf die Demokratisierung der Gesellschaft zurückzuführen seien, auf den generellen Verlust von Autorität. Läßt sich das aus Ihrer Praxis konkret belegen?

Bakatin: Ich glaube, daß solche Schlußfolgerungen falsch, oberflächlich und primitiv sind. Hier ist alles viel komplizierter. Wir lebten in einem Regime, in dem alles superzentralisiert und sehr eingeschränkt war durch eine einzige Ideologie. Unabhängiges Denken wurde nicht gefördert, das verhinderte schon ein großer Apparat der Repression. Viele Bürger wurden aus dem Land vertrieben. Das waren Methoden eines totalitären Staates, wobei man wieder nicht alles über einen Leisten schlagen und verurteilen kann – weil die Dinge eben doch sehr kompliziert und unterschiedlich schattiert waren. Jetzt haben wir begriffen, daß man so nicht weiterleben kann. Wir haben begriffen, daß man eine neue Gesellschaft aufbauen muß mit der Zielsetzung Demokratie. Demokratie überall: im Gesellschaftsleben, in der Politik, im Bewußtsein. Jetzt gehen wir zur Demokratie in der Wirtschaft über.

Aber diese gewaltigen Prozesse des Umbaus sind kompliziert. Wir konnten unsere Handlungen und alle Nebenwirkungen nicht mit Computerpräzision harmonisch vorausberechnen. Wir mußten uns nicht selten auf Stichproben verlassen. Unter den Bedingungen einer solchen, nicht ausgewogenen Entwicklung wuchs die Kriminalität. Dieser Zusammenhang wird durch die praktischen Erfahrungen in der ganzen Welt bestätigt. Schauen Sie sich bitte einmal die Materialien des Interpol-Kongresses an, der Mitte der achtziger Jahre in Mailand stattfand. Da steht es schwarz auf weiß: Die Kriminalität wächst überproportional. Das trifft genau auf unsere heutige Lage zu. Manches ist schon weit voran, anderes weit zurück. Die Verwaltungsstrukturen zum Beispiel entwickeln sich schnell, aber wir sehen, daß die Wirtschaft zurückbleibt. Es mangelt praktisch an allen Waren, die Löhne schnellen hoch, materielle Ressourcen fehlen. Wir machen auch unser Strafvollzugssystem humaner. Wir haben 800 000 Häftlinge auf freien Fuß gesetzt. Und ich glaube, wir haben richtig gehandelt. Unser Gerichtssystem ist aber der heutigen Lage nicht gewachsen. Es gibt so viele Dinge, die letzten Endes objektiv zum Wachstum der Kriminalität beitragen.

Wenn man einfach sagt, an allem ist die Demokratie schuld – zu welchem Schluß kommt man dann? Müssen wir dann zurück in die Vergangenheit? Auf die Demokratie verzichten? Ich stimme deshalb solchen Beurteilungen nicht zu.