Die namenlosen Toten der großen Stadt hängen, ordentlich in Reih und Glied, in den Photographenschaukästen des Polizeipräsidiums, im Parterre. Das ist die grausame Ausstellung der grausamen Stadt, in deren asphaltierten Straßen, graubeschatteten Parks und blauen Kanälen der Tod lauert, mit Revolver, Knebel und betäubendem Chloroform. Das ist sozusagen die anonyme Seite der Großstadt, ihr Elend, das keinen Namen hat. Das sind ihre unbekannten Kinder, deren Leben Unrast, Kneipe und Verborgenheit heißt, deren Ende blutig ist und gewaltsam, ein mörderisches Finale. Sie stolpern besinnungslos in eines der zahllosen Gräber, die eigens für sie, an allen ihren Wegen bereitstehen, und das einzige Andenken, das sie der Nachwelt hinterlassen, ist ihr Porträt, aufgenommen am sogenannten "Tatort" vom Apparat der Polizeikommission ...

Durch den Korridor des Polizeipräsidiums gehen täglich, stündlich, sehr viele, Hunderte Menschen, und niemand bleibt vor den Schaukästen stehen, um sich die Toten anzusehen. Man geht ins Fremdenamt, ins Paßamt, um ein Visum zu holen, ins Fundbüro einen Regenschirm suchen, in die Kriminalabteilung, einen Diebstahl anzuzeigen. Ins Polizeipräsidium kommen lauter Menschen, die mit den Dingen des Lebens zu tun haben, und, abgesehen von mir: Kein einziger Philosoph. Wer sollte sich um die Toten kümmern?

Diese Toten sind häßlich und vorwurfsvoll und hängen da wie Gewissensbisse. Sie sind so aufgenommen, wie sie gefunden wurden, ein unendlicher Schrecken lagert auf ihren Gesichtern, der Schrecken des Sterbens. Mit offenen Mündern stehen sie, ihr letzter Schrei liegt gleichsam noch in der Luft, man hört ihn, wenn man sie ansieht.

Wenn diese Toten Namen hätten, sie wären nicht so vorwurfsvoll. Nach den Gesichtern und Kleidungsstücken sind sie im Leben nicht "wohlhabend" gewesen. Sie gehören jenen Schichten an, die man die unteren nennt, weil sie zufällig unten sind. Es sind Tagelöhner, Dienstmädchen, die Menschen, die nur schwere Arbeit verrichten müssen oder verbrecherische, wenn sie leben wollen. Selten nur wächst so ein Totenkopf aus dem Stehkragen, dem europäischen Abzeichen des Bürgertums. Fast immer aus offenen, dunkelfarbigen Hemden.

Und der Ort, an dem sie der grausige Tod erreicht, kennzeichnet ihr ganzes Leben. Einer wurde am 2. Dezember 1921 im Abart des Potsdamer Bahnhofs gefunden. Am 25. Juni 1920 wurde jene Frau unbestimmten Alters aus dem Reichstagsufer der Spree gezogen. Am 25. Januar 1918 starb jener bärtige, zahnlose Kopf am Alexanderplatz. Am 8. Mai des Jahres 1922 starb dieser, ein junger Mann, mit feierlichen Zügen, auf einer Bank am Arminiusplatz. Die friedlichen Züge hat er der wunderbaren Mainacht auf dem Arminiusplatz zu verdanken, die Nachtigall sang wahrscheinlich, als er starb, der Flieder duftete, und die Sterne glänzten.

Am 26. Oktober 1921 wurde jemand, ein etwa fünfunddreißigjähriger Mann, in der Spandauer Straße in Zehlendorf, auf einem unbekannten Grundstück, erschlagen. Eine dünne Blutspur führt von der Schläfe zur Lippe, dünn und rot fließt es, das längst versiegte Blut des Begrabenen, auf dem Porträt, fließt es in alle Ewigkeit. Vergeblich, auf Kraniche zu warten, die einst die Mörder des Ibykus verrieten. Über den Grundstücken der Spandauer Straße schwärmen keine Kraniche – man hätte sie längst abgeschossen und gebraten. Gott aber sieht hinter den Wolken, ungerührt, einen Weltkrieg lodern – wie sollte er sich da um einen einzelnen kümmern?

Es sind etwa hundert Photographien in den Kästen, und sie werden immer wieder erneuert. Tausende sterben unbekannt in der großen Stadt. Sie haben keine Eltern, keine Freunde, sie haben einsam gelebt, sie sind vergessen gestorben. Sie saßen nicht fest im Gefüge einer Gemeinschaft – so viele Einsame gibt es in der großen Stadt. Wenn hundert erschlagen werden, leben noch Tausende weiter, ohne Namen, ohne Dach, Menschen, wie Steine. Einer gleicht dem andern, alle kommen einmal gewaltsam um – und ihr Tod hat nicht so schreckliche Folgen und kommt nicht in die Zeitung, wie der Tod eines Talaat Pascha zum Beispiel.