Von Hansjakob Stehle

Rom, im Oktober

Mehr geschmeichelt als gereizt lacht er, wenn ihm wieder einmal zu Ohren kommt, was sich Bürokraten, aber auch weltläufige Diplomaten, selbst manche seiner politischen Freunde zuflüstern, wenn vom ihm, dem Außenminister Italiens, die Rede ist: "Blitzgescheit – aber seriös?" Gianni De Michelis genießt jetzt in vollen Zügen die sechs Monate des italienischen EG-Vorsitzes, in denen es so aufregende Ereignisse gibt wie die Golfkrise, Gipfelkonferenzen, die deutsche Vereinigung – und im November seinen fünfzigsten Geburtstag. Diesen wird er, falls ihn (wetteifernd mit seinem Kollegen Genscher) sein unentwegtes Reisen nicht hindert, mit schönen Mädchen in einer Discothek feiern. Vielleicht im römischen "Black out", das ihm besonders gefällt, nicht des Namens wegen, sondern weil es da Rock aus den sechziger Jahren gibt.

Es ist der einzige Anflug von Nostalgie, der den Minister noch mit jener Zeit verbindet, in der er – an der Spitze des Studentenverbandes – für sozialistische Weltveränderung wie für seine damalige Frau Francesca schwärmte. Geboren in Venedig als Sohn eines Managers jener Industrie von Maghera, die Wasser und Luft der Lagunenstadt verpestet, bekam De Michelis wohl auch etwas vom Erbteil des Großvaters mit, der als methodistisch-waldensischer Pastor auf verlorenem Posten im italienischen Süden gewirkt hatte – in Eboli, wohin (laut Carlo Levi) Christus gerade noch gekommen war und wo die Zone unchristlichen Elends begann. Genosse Gianni, mit 29 Jahren schon Mitglied des Zentralkomitees der Sozialistischen Partei (PSI), predigte jedoch den Arbeitern seines Vaters nicht lange den Klassenkampf; nicht Marx, sondern Chemie, eine brauchbare Wissenschaft, studierte und lehrte er dann als Dozent in Padua. Und entwickelte sich auch sonst nicht zum Puritaner.

"Ich sei zu überschwenglich, zu phantasievoll, beschuldigt man mich; es ist ein Vorteil, denn es macht mich neugierig, aber auch ein Nachteil, denn manchmal bin ich nicht konzentriert genug", so würzt De Michelis Selbstgefälliges mit Selbstkritischem. Er scheut sich auch nicht, anonyme Briefeschreiber zu zitieren, die ihn aufforderten, seine fröhlich wuchernde Lockenpracht "einmal zu waschen"; sie abzuschneiden, soll ihm sogar das Staatsoberhaupt geraten haben. "Mir gefallen meine Haare, und mir gefällt es auch, zu tanzen und wie ein normaler Mensch zu leben; ich meine auch, daß die Leute Politiker mögen, die ihnen ähnlich sind", sagt er und pflegt dieses Image so sorgsam wie seine politische Karriere. Vom Stadtrat in Venedig war er mit vierzig schon zum Minister in Rom aufgestiegen, zuständig zunächst für die Staatsbetriebe, von denen er, der "Sozialist", einige zur Privatisierung freigab, ohne die Schlüsselrolle der anderen anzutasten. So qualifizierte er sich in der Mitte-Links-Regierung des Christdemokraten De Mita 1988 zum stellvertretenden Ministerpräsidenten und ein Jahr später unter Andreotti, dem Altmeister italienischer Politkünste, zum Außenminister.

Da war gerade das gewichtigste Werk erschienen, das De Michelis mit Hilfe von fünf namentlich erwähnten Damen verfaßt hat: ein 436-Seiten-Führer durch 250 Discotheken Italiens (und einige zwischen London und Hongkong). Der Einfall zu diesem Buch sei ihm ganz plötzlich auf einer Reise gekommen: "Ich wollte tanzen und wußte nicht wo." Auch seien ja die Discos "der wichtigste Ort für die Sozialisierung der neuen Generation", schrieb er im Vorwort. "Sie ersetzen am Ende des Jahrhunderts in Italien den Wehrdienst als erste große Schule des Lebens ..." Ein pazifistischer Ausblick, der nicht ganz zum Rechtsruck seiner Partei unter Bettino Craxi paßt, dem er dabei kräftig geholfen hatte. Wohl auch, weil das linke Seitensprünge noch reizvoller macht?

So empörte sich die classe politica Italiens über De Michelis, als er 1985 eine halbe Stunde lang mit einem in Abwesenheit verurteilten Terroristen redete, einem alten Bekannten aus der 68er Bewegung, dem er in einer Pariser Kunstausstellung begegnet war; und 1989 machte er als einziger Nato-Außenminister in Tripolis dem Obristen Ghaddafi zum zwanzigsten Jahrestag des Revolutionsregimes seine Aufwartung. Schließlich ist Italien der größte Erdölabnehmer Libyens und weiß diese Quelle um so mehr zu schätzen, als sie durch die Golfkrise nicht gefährdet erscheint und gleichwohl der heillos verschuldeten Staatskasse in Rom erlaubt, vom höchsten Benzinpreis in Europa kräftig abzusahnen.