Von Matthias Reiche

Im Zentrum des verfallenden Havanna befindet sich das Funeralis, das hauptstädtische Begräbnisinstitut: breiter Treppenaufgang, gläsernes Portal – eine luxuriöse Villa, hell erleuchtet, scheinbar ein Widersinn im lichtarmen Kuba mit seinen Energieproblemen. Jede Nacht kommen zwei- bis dreihundert Menschen, sitzen bis zum Morgen in der Halle mit den schmuddeligen Wänden auf dem kippenübersäten Mamorfußboden, unter den kristallenen Kronleuchtern. Der Raum ist eine Mischung aus Opernfoyer und Wartesaal.

Heute liegt in einer der angrenzenden Kammern die 31jährige Juana. Die meisten sind wohl ihretwegen gekommen. Ein kurzer Blick auf den Mädchenkörper – Juana ist an Blutkrebs gestorben –, dann geht man zurück an seinen Platz und wartet – vielleicht auf das Begräbnis am nächsten Tag, vielleicht, daß die drückende Hitze nachläßt. Oder weil man immer auf ein Etwas wartet in diesem Inselreich, das seinem Ende entgegendämmert.

Die Agonie wird am sichtbarsten in der Hauptstadt: überquellende Müllkübel, Häuserzeilen, an denen kein Wiederbelebungsversuch mehr fruchten wird, ganze Viertel ineinandergeschachtelter Holz- und Wellblechhütten, immer in Gefahr, vom nächsten Regen weggespült zu werden, die Toiletten stinken zum Himmel. Immer mehr Kubaner kommen aus dem Inland nach Havanna, in der Hoffnung auf gutbezahlte Arbeit und vollere Regale in den mercados. Doch beides ist nur schwer zu finden. Kuba ist nicht das Utopia geworden, das der Revolutionsführer glaubte schaffen zu können. Wenn Fidel Castro sagt, daß nur drei Prozent der Hauptstädter unter condiciones insalubres – gesundheitsschädigenden Wohnbedingungen – leben, so ist das einfach gelogen.

Selbst in fensterlosen Garagen hausen Menschen, wachsen Kinder auf. Unerträglich wird der Alltag durch den permanenten Wassermangel. Tonnen, Eimer, alle möglichen Behältnisse werden genutzt, um Wasser einzubunkern. Es funktioniert, wenn, wie in der Hauptstadt, die Leitungen alle zwei Tage Wasser führen, wird jedoch bei Tagestemperaturen von 32 Grad zu einer übelriechenden Angelegenheit, wenn dies, wie im Lande, nur alle fünf bis acht Tage geschieht.

In "Rancho Luna", einem kleinen Motel, sechzehn Kilometer von der Stadt Cienfuegos entfernt, erkrankten um den 20. August nahezu alle Kinder, einige so schwer, daß sie mit Blaulicht ins Krankenhaus gebracht werden mußten. Der Grund: In diesen Monaten machen fast ausnahmslos Kubaner in "Rancho Luna" Urlaub, und da nimmt man es mit der Sauberkeit des Wassers nicht so genau. Wird das Hotel ab Oktober wieder an Dollartouristen vermietet, passieren solche Pannen nicht. Für Castros Untertanen ist "Rancho Luna" dann ein verbotenes Haus, wie jedes Hotel, Restaurant oder Geschäft, in denen die Nationalwährung Peso kein Zahlungsmittel ist.

Es ist das Geheimnis der Männer an den Eingängen, welche Lehrmeister in ihnen den Instinkt weckten, jeden ihrer Landsleute zu wittern, der das Tabu verletzen will. Schon der Besitz von hartem Geld ist für den einfachen Mann strafbar. Ob die Angestellten in Marina Hemingway, die durch kleine Geschäfte mit den Ausländern der Luxussiedlung zu einigen Dollars gekommen sind, ob die Nutten in der 5. Avenida oder die kleinen Jobber, die zum Kurs von einem Dollar zu acht Pesos schwarztauschen: Sie alle müssen sich jemanden organisieren, der für sie einkauft. "Hay que sobrevivir – man muß überleben", sagt Ricardo, exmatrikulieter Moskaustudent, arbeitslos, weil er gemeinsam mit vier Kommilitonen anderen in einem Brief Kritik an den Inseloberen geübt hat.