Auf den Zusammenbruch des Kommunismus reagiert der Westen mit Ideologie statt mit Hilfe

Von John Kenneth Galbraith

Die vergangenen Monate waren von den größten Veränderungen unseres Zeitalters geprägt. Diese wiederum führten zu einer Flut wirtschaftlicher Ratschläge: Da nach allgemeinem Verständnis der Kommunismus gescheitert ist, triumphiert der Kapitalismus. Und daher müssen jetzt die Hohenpriester des Kapitalismus die Anleitung liefern – oder eher die Befehle erteilen, was die betroffenen Länder zu tun haben. Und wer könnte dafür besser qualifiziert sein als die unbarmherzigen Exponenten des erfolgreichen Systems?

Nach meiner Meinung haben einige, vielleicht viele der Ratschläge, die den mittel- und osteuropäischen Staaten jetzt angeboten werden, ihren Ursprung in einem Bild von der kapitalistischen Wirtschaft, das keine Beziehung zu deren Realität hat. Denn würde das Bild zutreffen, hätten die kapitalistischen Volkswirtschaften nicht überlebt. Es ist ein ideologisches Gebilde, das eigentlich nur in den Köpfen und – vor allem – in den Hoffnungen der Geber existiert – eine primitive Ideologie.

Die Ratschläge haben zwei besondere Merkmale. Sie kommen oft von Leuten, die es schon lange stört, daß die westlichen Wirtschaftssysteme Konzessionen an gesellschaftliche Prozesse machen mußten: Aufbau des Sozialstaats, Hilfe für die Armen, öffentliche Dienstleistungen, Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften, Versuche, eine gerechtere Einkommensverteilung zu erreichen und die Verantwortung des Staates für das Funktionieren des ökonomischen Systems als Ganzem. Derartige Zustände in ihrem eigenen Land mögen die Ratgeber nicht, also schlagen sie solche Sachen den Ländern, die sich jetzt vom Kommunismus lösen, natürlich auch nicht vor. Dabei finden sie willige Zuhörer: In der Ökonomie ist es genauso wie in Politik oder Religion: Der Konvertit ist oft der feurigste Anhänger des neuen Glaubens.

Das zweite Merkmal dieser Ratschläge für den Übergang zur Marktwirtschaft ist die lässige Hinnahme von Verarmung, Arbeitslosigkeit, Inflation und Rückgang des Lebensstandards. Dies alles gilt sogar als Therapie: Aus der Erfahrung von Arbeitslosigkeit und Hunger wird eine neue Arbeitsethik entstehen, Arbeitnehmer, die sich nach der Disziplin des freien Unternehmerstums sehnen. Vor ein paar Tagen sagte mir ein Unternehmensberater, der gerade aus Polen zurückgekommen war, das Elend von Arbeitslosigkeit und niedrigen Löhnen werde ausländische Investoren und Unternehmer dazu bewegen, in den kommenden Jahren herbeizueilen und das Land zu retten. Nur ein paar Jahre des Leidens – und dann wird alles gut sein. Dies – ich wähle meine Worte sorgfältig – ist Irrsinn. Einfach gesagt, besteht ein großer Teil dieser Ratschläge in der Forderung, ein schlecht funktionierendes Wirtschafssystem durch gar keines zu ersetzen.

Das Wirtschaftssystem des Westens und Japans ist keineswegs der Kapitalismus in seiner ursprünglichen und primitiven Form. Es wurde grundlegend verbessert durch die Einführung sozialer Dienstleistungen, durch subventionierte Einkommen und durch öffentliche Kontrollen. Erst dadurch konnte das System überleben. Margaret Thatcher in Großbritannien und bis vor kurzem Ronald Reagan in den Vereinigten Staaten haben sich immer als Vorkämpfer des unverfälschten Kapitalismus dargestellt. In Wirklichkeit verdanken oder verdankten sie ihren Einfluß früheren Generationen von sozial eingestellten Politikern, die ihre Bürger saturiert, abgesichert und – in ihrem Wahlverhalten – konservativ gemacht haben. Reagan und Frau Thatcher wurden in ihren Amtern bestätigt, weil sie der Rhetorik vom freien Unternehmertum fast keine Taten folgen ließen. Wenn Präsident Reagan in seiner ersten Amtsperiode wirklich einen Anschlag auf das Sozialsystem ausgeübt hätte – auf die Renten, die medizinische Versorgung der Armen, die Subventionen für die Bauern –, seine Präsidentschaft wäre im Januar 1985 abrupt zu Ende gewesen.