Von Konrad Heidkamp

Sie sieht gut aus und spielt zudem sehr gut. Toll sieht sie aus, aber spielen kann sie nicht. So wie sie aussieht, glaubt man gar nicht, daß sie so gut spielen kann. Drei Frauen auf der Bühne der "Fabrik" beim ersten Konzert des 15. Jazz-Festivals in Hamburg, und die Schablonen klickern still und unvermeidlich. Geflüsterte Bemerkungen, anerkennend hochgezogene Augenbrauen, unmotiviert lange Großaufnahmen beim NDR-Fernsehen – die Frauen im Jazz müssen noch immer gegen ihr äußeres Soll und Haben anspielen.

Der Trompeter Lew Soloff bläst hinreißend, Wolfgang Puschnig am Altsaxophon spielt zupackend und intelligent, Gary Valente versinkt im Tonvolumen seiner Posaune – die dünn gesäten Haare auf dem Haupt, die fragwürdigen Socken zum gelben Jackett, das propere Bäuchlein registriert nur, wer sich langweilt. Carla Bley dirigiert die sechzehn Männer ihrer The Very Big Carla Bley Band mit dem Charme einer Dompteuse, schenkt ihnen ein strahlendes Lächeln, bekommt es dankbar zurück und bringt mit einer Bewegung ihrer langen Finger jede Abschweifung wieder auf den Punkt zurück. Irgendwie ist sie immer im Bild. Eine perfekt geschmackvolle Arrangeuse, eine sparsame Pianistin, eine sinnliche und seelenvolle Dirigentin, man möchte das Äußere ja gerne übersehen, aber die blonde Löwenmähne schiebt sich immer wieder vor die Musik.

Carla Bley umgibt ein Duft von Popwelt, transponiert in die Tonart des Jazz. Ihre privat-künstlerischen Verbindungen zu dem Pianisten Paul Bley, dem Trompeter Mike Mantler, dem Bassisten Steve Swallow, ihre Zusammenarbeit mit Rockmusikern wie Jack Bruce oder Robert Wyatt, ihr Meisterwerk "Escalator Over The Hill", ihr politisches Engagement umgaben sie immer mit einer Aura, die auch belanglose Musik goutierbar machte. Zwei wunderschöne Hommagen an diesem Abend – eine an Thelonious Monks "Misterioso", die andere über Charles Mingus’ "Good bye Pork Pie Hat" – und der dürftige Rest an traditionellem Big-Band-Jazz reduzierte sich auf eine Summierung von Soli.

Carla Bleys Pianospiel beschränkte sich auf verhaltene Berührungen der Tasten, auf große Gesten mit kleinem Inhalt. Ein leichter Anflug von Hippie-Glückseligkeit breitete sich aus – noch nie blitzten so viele strahlende Zähne, jeder schien jedem für seinen Beitrag verständnissinnig zuzunicken – ein bißchen Melange-Jazz mit zuviel Zucker. Carla Bley versteckt ihr großes Talent unter großen Fransen, und ihre Ausstrahlung wird mehr und mehr zur Dekoration.

Ist Mann schuld daran, Karen Mantler – die Tochter Carla Bleys, nach eigenen Angaben 1965 beim Newport-Jazz-Festival gezeugt und unter dem Klavier ihrer Mutter aufgewachsen – zu beschreiben und damit ihre Musik zu meinen? Man sollte ruhig zu seinen Vorurteilen stehen, wenn sie musikalisch nicht widerlegt werden. Schwarze Nylons zur schwarzen Rennradler-Hose, darüber Goldlame zu rot aufgeworfenen Lippen unter blondem Afro-Look. Und so singt sie. Mit verhaucht naivem Sprechgesang im Stil einer Marilyn Monroe oder Brigitte Bardot zu träg akzentuiertem Jazzrock, der sich mit der Lethargie einer gelangweilten Fünf-Uhr-Tee-Kapelle durch peinliche Kompositionen schleppt. Kinder berühmter Musiker haben es sicher nicht einfach, aber niemand verlangt von ihnen, sich auf die Bühne zu stellen.

Die dritte Schablone: eine unscheinbare Referendarin für Geschichte, eine, die immer erst um Ruhe bitten muß, bevor man überhaupt bemerkt, daß sie im Raum ist. Und dann kommen die ersten Töne, es wird ruhig, ein anerkennendes Verziehen der Mundwinkel, man stößt sich an, und die Stunde mit dem Myra Melford Trio ist gelaufen. Begeisterter Applaus!