Berlin

Seit Januar 1989 arbeitet in Berlin mit einigem Erfolg das Haus der Kulturen der Welt (HdKW), untergebracht in der Kongreßhalle im Tiergarten unweit des Reichstags. Nachdem das 1980 eingestürzte Haus zum Stadtjubiläum vor drei Jahren wieder aufgebaut worden war, hatte sich zunächst niemand so recht dafür interessiert. Dann dachten sich Auswärtiges Amt, Goethe-Institut und die Organisatoren der Berliner Festspiele gemeinsam ein Nutzungskonzept aus: die Kongreßhalle als ein Forum für die Kulturen dieser Welt.

Ein Beispiel für die programmatische Bandbreite: Während im Foyer eine Ausstellung mit Arbeiten der 15jährigen chinesischen Malerin Wang Yani gezeigt wird, findet parallel dazu im ganzen Haus von Ende Oktober bis Ende November die Reihe "Zwischen Erinnerung und Gegenwart – Jüdische Künstler aus Tel Aviv, Berlin, New York" mit Klezmermusik, Tanz, Performance und Theater statt. Gleichzeitig veranstaltet das Haus der Kulturen vom 5. bis zum 7. November den internationalen Kongreß "Kulturelle Vielfalt Europa – Bilanz und Perspektiven für eine neue Gesellschaft in Deutschland und Europa".

Als "eine der zentralen Aufgaben für die Gestaltung von Politik und Gesellschaft in einem vereinigten Deutschland" wird im Programmheft die Bewahrung und die Pflege des Reichtums der kulturellen Vielfalt in Europa genannt; Anke Martiny, die SPD-Kultursenatorin, hat diesen Kongreß in einem Interview als ihren Beitrag gegen drohenden Rassismus in der Stadt angeführt, und Walter Momper, Regierender Bürgermeister jener Koalition, die stets den Wunsch nach der multikulturellen Gesellschaft auf der rot-grünen Fahne geführt hat, wollte folgerichtig den Kongreß im Haus der Kulturen der Welt eröffnen.

Doch mittlerweile hat der Wind sich gedreht. In Berlin, das ja nicht nur Hauptstadt sein, sondern auch Regierungssitz werden will, gelten plötzlich andere Prioritäten, gibt es nun "übergeordnete Aufgaben", sozusagen von nationalem Rang, unter die manch frommer Wunsch unterzuordnen ist, unter anderem auch der Wunsch nach gehöriger Pflege der Kultur.

Mit einem Male ist der Sitz des Hauses der Kulturen der Welt, die Kongreßhalle, nach den Worten des Senatssprechers Werner Kohlhoff "ein zu wertvolles Gebäude, um es für solch einen Zweck zu nutzen", und liegt "zu zentral im Regierungsviertel". In seiner Abschiedsrede als Vorsitzender des Bundesrates hat Kohlhoffs Chef Walter Momper denn auch schon vorgeschlagen, das Ländergremium solle eines – hoffentlich nahen – Regierungssitz-Tages in die wiederaufgebaute Spannbetonruine einziehen. Und quasi zum Test an Ort und Stelle und zum Vorgeschmack auf künftige Hauptstadtfreuden lud er seine Mitlandesfürsten für den 9. November in den Tiergarten ein, auf daß sich an diesem historischen Tag dort die neue gesamtdeutsche Kammer konstituiere.

Das HdKW erfuhr, ebenso wie die Kultursenatorin, von diesem Vorhaben aus der Zeitung. Telephonisch wurde dann angefragt, was es denn kosten würde, den geplanten Multikulturkongreß oder die jüdische Veranstaltungsreihe abzusagen und das Haus für eine Weile zu schließen, weil für die Bundesratssitzung Umbauten nötig wären. Gleichzeitig schickte die Verwaltung einen Referatsleiter los, der ein (weniger wertvolles und zentrales?) Ausweichquartier suchen soll. Brieflich wies man schließlich Walter Momper, auch im Namen seiner eigenen Kultursenatorin, die Vorsitzende des Aufsichtsrats des HdKW ist, darauf hin, daß man eine selbständige Kulturinstitution sei, über die zu verfügen nicht Sache des Landesherrn ist.