Von Katharina Rutschky

In der großen, durch die Zauberkunst der Gestalter aber wiederum intim und kostbar gemachten Ausstellung werden sich vorhersehbar dennoch keine Massen sammeln. Im eingelassenen Glaskasten leuchtet nämlich kein Silber, kein Gold, sondern das abgeschabte Leder eines Schulranzen – für Knaben, wie man belehrt wird, erkenntlich am langen Überschlag. Dito ein Holzbinal, eine Schulglocke, eine Papierrosette mit Schönschreibübungen und eben auch jenes Viehzeug in Spiritus oder ausgestopft, an das sich mancher noch aus Volksschulzeiten erinnern mag.

Wem verdanken wir diese staubigen Eulen und Maulwurfskelette, diese Wandbilder, Schautafeln und zerlegbaren Menschen ohne Geschlecht? Nicht ausschließlich, aber doch vor anderen einem gewissen Adolph Diesterweg, der vor genau zweihundert Jahren als Sohn eines Verwaltungsbeamten in Siegen geboren wurde und 76 Jahre später als pensionierter preußischer Seminarleiter, Publizist und liberaler Landtagsabgeordneter in Berlin starb. An der Cholera, wenige Tage nach seiner Frau Sabine und vor seinem Arzt, dem Geheimrat Paetsch. Niemand, auch dieser nicht, wußte, daß gegen den Brechdurchfall, verursacht durch ein Stäbchenbakterium, nichts helfen konnte als Infusionen mit einer Salzlösung und – aufs große und ganze gesehen – einwandfreies Trinkwasser.

Man ist, in der Siegerlandhalle, einem multifunktionalen Zweckbau der siebziger Jahre, mitten im 19. Jahrhundert. Für den animierenden Menschenauftrieb bei internationalen Kunstereignissen entschädigt die Aufmerksamkeit eines Aufsehers, der den Besucher freundlich über den richtigen Weg belehrt. Linksherum, nicht rechtsherum ist der Rundgang zu beschreiten, der die Stationen eines Pädagogenlebens mit Ortsangabe und Jahreszahlen markiert. Von Siegen nach Herborn, Tübingen und Frankfurt führt der Weg über Elberfeld, Moers schließlich nach Berlin, wo 1845 das 25jährige Dienstjubiläum des Herrn Seminardirektors mit vormärzlichem Bürgerenthusiasmus gefeiert wird. "Alle Liebe und Verehrung, die sich dieser Hauptträger des preußischen Volksschulwesens in und außerhalb Deutschlands errungen", schrieb die Vossische Zeitung, "drängte sich zusammen in den wenigen Stunden des gestrigen Tages – so feiert das Volk seine Lieblinge!"

Stichproben in meiner Umgebung zeigten, daß den Namen Diesterweg niemand kannte, geschweige denn wußte, welche Verdienste dieser klassische Bürger des 19. Jahrhunderts sich bei der Entwicklung der deutschen Gesellschaft erworben hat. Schulgeschichte hat einfach keinen Platz im kulturellen Kollektivgedächtnis, gleichgültig, wie viele Sammlungen gerade in den letzten zwanzig Jahren angelegt worden sind, und auch unbeschadet der Tatsache, daß nach dem Scheitern der Bildungsreform die Historie so ziemlich das einzige ist, was an den erziehungswissenschaftlichen Fakultäten wirklich gedeiht. Erziehung ist kein Thema mehr, kein Projekt enthusiasmierter Volksfreunde wie im 19. Jahrhundert; längst findet Erziehung einfach auf jenen unverrückten Grundmauern der Schule statt, die Diesterweg und die Schulmänner seiner Zeit gelegt haben. Sie sind vergessen, trotz fleißiger Gipsbüstenfabrikation, die auf das Bedürfnis nach ihrer vorbildlichen Gegenwart mit differenzierten Angeboten reagierte: der große Diesterweg für die repräsentative Feier zum Hundertsten, der kleine, besonders günstig, wenn der Bezieher schon im Besitz des kleinen Pestalozzi für drei Mark sich befindet...

Die Frage, woran das liegt, haben sich die Ausstellungsmacher, eine Arbeitsgruppe der Universität Gesamthochschule Siegen, nicht gestellt. Die Diesterwegiana, die sie ausfindig gemacht und mit bezeichnenden Objekten, Urkunden und Bildern ergänzt haben, sind eindrucksvoll. Der geduldige Betrachter, wenn er sich entschlossen hat, die Glasboxen wie Schatzkästchen abzufieseln, als die sie offenbar auch projektiert wurden, um die Dinge aus ihrer trivialen Daseinsform zu befreien und ihnen eine Aura anzuzaubern, der wird vom Geist der Zeit, der Pädagogik und auch Diesterwegs berührt.

Was ist das für ein Geist? Mit Verwunderung und Rührung taucht man in eine Welt, in der die Didaktik der Regel de tri, auch Dreisatz genannt, ihren Erfinder und seine Adepten mit emanzipatorischem Pathos erfüllte. Diesterweg war in Preußen der erste Lehrerausbilder, der kein Theologe war. Nach dem Vorbild des älteren Bruders und Mentors hatte er Mathematiker und Ingenieur werden wollen, eine Laufbahn, die in den politischen Wirren der napoleonischen Zeit abbrach, ehe sie angefangen hatte. Die Vermessung des Herzogtums Westfalen ist damals unterblieben, an der er sich hatte beteiligen wollen, und Diesterweg mußte ins Lehrfach gehen. Die Lust am Vermessen, das Bedürfnis nach Übersicht und Ordnung ist ihm geblieben und wurde zur eigentlichen Triebfeder seines pädagogischen Handelns. Mochte er Kinder, verstand er irgend etwas von ihnen, oder waren sie ihm bloß Objekte einer zivilisatorischen Strategie, zu deren Durchsetzung Macht und Herrschaft nicht gescheut werden durften? Die Ausstellungsmacher und auch die Katalogautoren vermeiden, ganz den Interpretationsrastern der Sozialgeschichte folgend, jede psychologische Deutung, selbst da, wo die ältere Biographik Diesterwegs bereits deutliche Hinweise gegeben hat. Kann man Schulgeschichte machen oder schreiben, ohne die Perspektive der Kinder, wenigstens jene der Seminarzöglinge mitzubedenken? Es ist offenbar, daß man beides kann, wenngleich dieser Mangel Folgen hat.