Widerstandslos, im großen und ganzen, haben sie sich selbst verschluckt, die siebziger Jahre", heißt es in Enzensbergers Gedicht "Andenken". Ach, wenn es doch so wäre! Immer noch sind viele Köpfe verklebt von jener obskuren Vorstellung, sexuelles Austoben und psychisches Einweichen, Körperlust und Hirnabrüstung seien Mittel zur Rettung des bedrohten Planeten.

Charlie heißt Richard Heys unvollkommener Liebhaber, ist fünfzig Jahre alt und sitzt gerne nackt in der Gegend herum; auf dem Bett, im Wintergarten oder auf dem eingestürzten Dach, wo er staubumweht das Cello spielt, um seine Erektion zu kaschieren.

Bei der Gelegenheit sublimiert er auch ein bißchen, denn Sex und Kunst..., das wissen wir ja; aber nur ein bißchen, denn Sublimieren heißt Entfremden, und das kann ein libidoliebender und chaoskreativer Cellist angesichts all der prallen und schon-schiefen Frauenbrüste und eingedenk all der zu schreibenden Rockopern und Jazzoratorien nicht mitmachen.

Charlie liebt Hannah und Saskia, aber auch Halima und Pamela und Meta und Oneglia sind ihm nicht gleichgültig. Doch für den deutschen Romancier machen ein Softie und ein Dutzend Frauen offensichtlich noch keinen Roman. Tragik und der große Atem der Geschichte müssen her.

Deshalb ist Hannah Halbjüdin und kommt aus Bromberg, polnisch Bydgoszcz. Dort hat sie 1939 und danach das Schlimme der Epoche am eigenen Leib erlebt und also ein schweres Trauma.

Das läßt sie manchmal schreiend im Bett hochfahren, das führt sie auch zur Selbstbefreiung ins wilde Marokko, wo sie sich in Ahmed verliebt, einen schönen stolzen Kämpfer für soziale Gerecitigkeit, der die Folter kennt, speziell die an männlichen Hoden, weshalb auch er ein schweres Trauma hat und Hannah auf eine Weise nah ist, dat Charlie außen vor bleibt. Doch der versteht das Tiefe der Beziehung, allein seine Männlichkeit will nicht mehr in die Höhe.

Nur einmal noch, nachdem ihn seine Tochter Muriel höflich und unter Diskussion des theologischen Fundamentalproblems, ob Gott nicht doch eine Frau ist, zur väterlichen Defloration überredet hat, richtet Charlie sich männlich auf. Der Grund für die ungewöhnliche Bitte der Tochter: Muriels Geliebter ist an Aids erkrankt, und die beiden befürchten, ein Verhütungsgummi halte dem blutigen Akt der Entjungferung nicht stand.