Von Gisela Dachs

Das Buch von Amos Elon wurde vor den jüngsten Vorfällen auf dem Jerusalemer Tempelberg geschrieben. Doch der Grundton ist so pessimistisch, als ob der Autor das Massaker geahnt hätte. Schon im Vorwort erwähnt er die Möglichkeit eines "schrecklichen Krieges, ausgelöst durch die religiöse Komponente – die zunehmend mehr Gewicht erlangt – des jahrhundertealten Konflikts zwischen Arabern und Juden". Geradezu unheilverkündend ist hierauf die Rede von einem "Dritten Weltkrieg", der nach einer Explosion auf dem Tempelberg, der heißesten Grenze zwischen Israelis und Palästinensern, ausbricht. Im Zusammenhang mit dem Tempelberg werde häufig auf eine mögliche "Kettenreaktion verwiesen, die zu einem – weltweiten oder regionalen – Armageddon führen könnte".

Im Kapitel "Gefährliche Stadt" beschreibt der in Österreich geborene israelische Publizist, der fünfzig Jahre in Jerusalem gelebt hat, die Geschichte und Symbolik der heiligen Stätte, die in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder religiöse Fanatiker angezogen hat. Für die Moslems ist der Tempelberg mit dem blauen Felsendom und der Al-Aksa-Moschee der drittheiligste Ort nach Mekka und Medina; für die Juden symbolisiert die Klagemauer, die das Plateau des Tempelbergs stützt, die Zerstörung, aber auch die Wiederherstellung eines jüdischen Staatswesens.

Jüdische Extremisten wurden wiederholt bei Vorbereitungen für einen Terroranschlag auf dem Tempelberg ertappt. Für sie bedeutet die Zerstörung der moslemischen Heiligtümer die "religiöse Wiedergeburt" des jüdischen Volkes. Auf den Stufen der Al-Aksa-Moschee wurde auch Abdullah, der Großvater des jordanischen Königs Hussein, im Jahre 1951 von arabischen Extremisten erschossen. Sie hatten es ihm nicht verziehen, daß er sich heimlich zu Gesprächen mit der israelischen Ministerpräsidentin Golda Meir getroffen hatte.

Nirgendwo sind Religion und Politik so verschmolzen wie in Jerusalem, wo drei Weltreligionen aufeinandertreffen und die Vergangenheit überall präsent ist. Immer wieder blickt Arnos Elon in die jahrtausendealte Geschichte Jerusalems zurück. Die historische Stadt ist wie kaum eine andere bis auf den heutigen Tag umkämpft.

Im Jahre 1860 mußte die offene Kuppel über dem Grab Christi mit einer Schutzplane abgedeckt werden, um die Moslems auf den umliegenden Dächern daran zu hindern, ihren Abfall hineinzuwerfen. 1967, nachdem die geteilte Stadt wieder vereinigt wurde, kam zum Vorschein, daß die Jordanier während der Besatzung Grabsteine aus dem alten Friedhof am Ölberg entfernt hatten, um damit die Latrinen einer ihrer Militärbaracken zu pflastern. Zur gleichen Zeit stellten die Moslems erbost fest, daß auf der israelischen Seite ein ebenso alter moslemischer Friedhof unter einem Fünfsternehotel verschwunden war... Und auch heute richtet sich die Siedlungspolitik der Israelis "nicht nach Funktion, sondern nach Ideologie".

Die Religionskriege von damals dauern fort, nur unter einem anderen Vorzeichen, schreibt Amos Elon. Jerusalem, die Stadt, die Moslems und Juden gleichermaßen begehren, steht dabei im Zentrum. Der Streit um die Stadt gilt bei den Friedensbemühungen zwischen Israelis und Palästinensern als eines der heikelsten Probleme. Würde dieses Thema bei Gesprächen zuerst aufgerollt, wären die Verhandlungen wahrscheinlich schon beendet, bevor sie überhaupt beginnen könnten. Selbst wenn die Israelis eines Tages Territorium aufgäben, würde – so der Autor – gerade in Jerusalem die Gewalt zwischen Juden und Arabern fortdauern.