Von Dorothea Hilgenberg

Die Wirren der Nachkriegszeit haben sie als Flüchtlingskinder irgendwo in Hessen, Bayern oder Schleswig-Holstein erlebt. Es war eine Zeit größter Armut und Demütigung: "Tiefer", sagt einer der Betroffenen, "kann man nicht fallen."

Heute fühlen sich die Kinder, die 1945 mit ihren Eltern aus den ehemaligen Ostgebieten vertrieben wurden, in der Bundesrepublik zu Hause. Die Integration der damals heimatlos gewordenen Jugendlichen ist geglückt. Doch was bedeutet die unfreiwillige Entwurzelung für die Identität der längst Erwachsenen?

Die Tschechin Alena Wagnerová hat sich der Biographie von Sudetendeutschen angenommen. Sie hat sie nach Erinnerungsbildern und Verarbeitungsmustern gefragt und damit eine feinfühlige Annäherung an Menschen versucht, die unter extremem Anpassungsdruck standen und sich den Erwartungen ihrer neuen Umgebung oft bis zur Selbstverleugnung beugten.

Im Gegensatz zu den meisten Erinnerungsbüchern steht die Bewältigung des Erlebnisses im Mittelpunkt: Wie ist die Budweiserin, wie ist der Egerländer mit der Zäsur im Lebenslauf fertig geworden? Die Geschichten werden in Ich-Form erzählt. Wir begegnen nachdenklichen Menschen, die auf den Heimattagen der Vertriebenen nie das Wort gesucht haben, aber mit zunehmendem Alter beginnen, nach ihrer Herkunft zu fragen. In ihren Aussagen schwingen Wehmut über das verfallene Land ihrer Kindheit, mehr aber noch die Hoffnung auf die Wiederannäherung von Tschechen und Deutschen mit. "Nationale Kriege", das fand Alena Wagnerová durch die Interviews bestätigt, kennen keine Sieger und Besiegte, sondern nur Verlierer.

Sie kommentiert in einem Vorwort die Gespräche, von denen sie fünfzehn für ihre Publikation ausgewählt hat. Dabei weist sie auf eine Grundtendenz hin, die ihren Gesprächspartnern gemeinsam zu sein scheint: "Obwohl sie schon als Kinder Böhmen und Mähren verließen, fühlen sich die Sudetendeutschen dieser Generation von der tschechischen Mentalität angezogen, empfinden

eine Nähe zur tschechischen Sprache und Kultur, zur Musik, heirateten oft untereinander, erkennen auf Anhieb Menschen, die aus der gleichen Region kommen, heben die Vorzüge und Fruchtbarkeit einer multikulturellen Gesellschaft hervor und fühlen sich eher als Österreicher denn als Reichsdeutsche’."