Griechenland steht bei den deutschen Urlaubern hoch im Kurs. Anhaltende soziale Unruhen jedoch kratzen am Hellas-Image.

Das Griechische Fremdenverkehrsamt in Frankfurt sah sich in den vergangenen Wochen massiv mit den Fragen besorgter Anrufer konfrontiert, die von den Streiknachrichten erschreckt worden waren und sich überlegten, ihre Griechenlandreise zu verschieben. Viele Hellas-Urlauber nahmen es zwar gelassen hin, daß "wieder einmal gestreikt wird", und hielten es mit jenem Lehrer, der einen politischen Kurzdisput auf dem Frankfurter Flughafen mit der Überzeugung krönte: "Streiks gehören eben zu Griechenland wie die Mythen und das Meer." Andere aber beunruhigt längst, welche Schärfe die Arbeitskämpfe und der politische Streit zwischen der konservativen Regierung Mitsotakis und den Gewerkschaften angenommen haben.

Die großen Streiks gegen die Änderung der Pensionsregelung, die in der Ankündigung des Generalstreiks gipfelten, endeten Anfang Oktober nach drei Wochen; die Müllberge, an denen die griechischen Städte – allen voran die Hauptstadt Athen – vorübergehend zu ersticken drohten, sind mittlerweile abgetragen; die Urlauber erhalten in den Banken gegen Eurocheques wieder Bargeld, in den Hotels brennt Licht, und daß sich Flugzeuge und Fähren verspäten, gehört in Griechenland ohnedies zum Alltag. Auch die Beschwerden von streikgeschädigten Urlaubern hielten sich in Grenzen.

Doch ein Ende der politischen und wirtschaftlichen Turbulenzen scheint nicht in Sicht, und erste Griechenland-Veranstalter registrierten bereits besorgt stagnierende Buchungszahlen. "Der Tourismus wird an der bitteren und harten Machtprobe in Griechenland Schaden nehmen", befürchtet Beate Serrano, die Chefin des Hamburger Studienreiseveranstalters Athena. Ein Münchner Reiseverkäufer kommentiert: "Die Negativmeldungen aus Athen fangen an, uns weh zu tun." Auch der Leiter des Griechischen Fremdenverkehrsamtes in Frankfurt, Nikos Georgossopoulos, betrachtet die möglichen Auswirkungen der sozialen Unruhen nicht ohne Sorge. Die Anfragen haben ihn aufhorchen lassen. Erschwerend kommt hinzu, daß die epidemieartige Krankheitswelle im Club Mediterranee auf Kos eine Diskussion über die hygienischen Verhältnisse in Griechenland entfacht hat.

In exakten Daten aber lassen sich Einbrüche bislang nicht festmachen. Im Gegenteil: Das Urlaubsziel Griechenland steigt in der Beliebtheit der Deutschen seit 1983 kontinuierlich. In diesem Jahr freuen sich die Reiseunternehmen schon über zweistellige Zuwachsraten, und Griechenland-Werber Georgossopoulos rechnet am Ende mit 1,7 Millionen deutschen Pauschaltouristen. Das wären zehn Prozent mehr als im Vorjahr.

Während Skeptiker der griechischen Wirtschaft und dem bisher florierenden Tourismus schwere Zeiten prognostizieren, glauben erfahrene Griechenland-Touristiker wie der Chef der Münchner Intercontinental Reisen, Rudi Kaestele, unbeirrt an die Macht der Vernunft: Nur ein einziges Mal hätten sich die streikfreudigen Griechen in den vergangenen Jahren getraut, die Arbeit in der Hochsaison niederzulegen, erinnert sich Kaestele und schließt daraus: "Die Griechen brauchen den Tourismus, und das wissen sie auch." Markus Bäuchle