Von Hans Pleschinski

Das Königsschloß – ein Gerippe; das Palais der Vier Jahreszeiten – ein Steinhäufchen; die Frauenkirche von Georg Bahr – zwei Fensterbögen; die Semper-Oper – ein dunkler Trichter. 1967 sah ich als Elfjähriger Dresden zum ersten Mal. Eine gewaltigere, durch die Reste von Kunst erhabenere Kulisse des Untergangs ist mir nicht wieder begegnet. Jedes der halbovalen Fenster des Zwingers schien einen Klagelaut auszuschicken. 1967 lag die sächsische Hauptstadt vor mir als Titanic, die längst die Fahrt nach unten angetreten hatte.

Verwandte, bei denen ich die Herbstferien zubrachte, gaben mir Bücher in die Hand, die dem Ruinenareal die Gestalten zurückgaben. Die süffigen historischen Romane der "Trilogie aus der Sachsenzeit" des Polen Józef Ignacy Kraszewski hießen "Gräfin Cosel", "Aus dem Siebenjährigen Krieg" und "Brühl". Seit der Lektüre dieser Bände bin ich womöglich zu einem Spezialisten in Sachen sächsische Utopien und sächsische Desaster geworden. Bachs pompöse Auftragskantate "Preise Dein Glücke, Gesegnetes Sachsen" ist für mich mittlerweile so vielsagend wie der Steinbrocken Frauenkirche, den ich verwahre. Vielleicht leide ich unter einer besonderen Art Saxonismus, der nicht ganz heilbaren Brühlomanie.

Brühl tauchte nicht nur in dem gleichnamigen Roman von 1874 auf, sondern auch in dem Buch "Aus dem Siebenjährigen Krieg": "Unser Gast aus der Schweiz durchschritt den Garten, das Palais, die anderen Baulichkeiten und kam aus dem Staunen nicht heraus. Allmählich gewann er einen so überwältigenden Eindruck von der Macht Brühls und Sachsens, daß er es für eine Tollkühnheit erachtete, wollte sich ein Angreifer an diesen Reichtum heranwagen. Seine Besitzer mußten doch sicherlich auf den Schutz und die Erhaltung von all diesem bedacht sein. Brühl war zweifellos einer der größten, wenn nicht der anspruchsvollste Elegant seiner Zeit. Der erste Diener Augusts III. lebte weitaus prächtiger als der Preußenkönig Friedrich, denn alles mußte Brühl haben, und was er besaß, mußte von allem das Herrlichste sein."

Ob als der erste Diener seines Herren, ob als anspruchsvollster Elegant, der unter anderem etwa 1500 Perücken sein eigen nannte: Brühl ist eine Trouvaille in der deutschen Staatsgeschichte. Und obwohl nicht einmal 230 Jahre tot und begraben auf seinen Besitzungen in der Lausitz, wird über diesen vergessenen Karrieristen, über den zugleich zähesten Widerpart Friedrichs des Großen, der Preußifizierung Deutschlands, deutscher Mentalität, kein abschließendes Urteil zu finden sein.

Von Brühl sind in Dresden die Brühischen Terrassen übriggeblieben, in den Museen der Welt Überbleibsel seines berühmten Schwanen-Services. In den meisten Lexika finden sich die sich ähnelnden Kurzeinträge wie "... eigensüchtiger Verschwender und Vernichter des sächsischen Staatswohls ...", wohingegen die erste Biographie über ihn, von 1930, in ihrem Untertitel heißt: "Der Medici, Richelieu und Rothschild seiner Zeit".

Heinrich Graf von Brühl wurde auf dem elterlichen Gut Gangloffsömmern in Thüringen am 13. August 1700 geboren. Kurz vor seinem Tod, vor dem posthum geführten Prozeß gegen diesen Premierminister von Sachsen-Polen, hielt er in seinem Testament fest: "Der Anfang meiner fortdauernden Glückseligkeit war der Pagenstand." Und in der Tat, es brauchte wohl vergangene, unstandardisiertere, unverschuldetere Zeitläufte, um vom vierten Sohn einer verarmten Adelsfamilie zum Einkäufer der Sixtinischen Madonna in Dresden aufzusteigen.