Von Horst Bieber

Irgendwann im nächsten Jahr wollen die Vereinten Nationen eine Sondersitzung abhalten, unter dem globalen Titel "Entwicklung und Umwelt". Noch einmal oder wieder einmal wollen 160 Staaten versuchen, die Quadratur des Kreises zu bewältigen, ein Programm aufzustellen, das Gegensätzliches vereinen oder halbwegs versöhnen soll. Die Regierungen von fünf Milliarden Menschen planen gemeinsames Handeln, so beteuern sie wenigstens, um zweier Gefahren gleichzeitig Herr zu werden: daß ihre Völker im Elend versinken und dieser Erdball im industriellen Dreck der Zivilisation, des technischen Fortschritts, erstickt. Dabei werden die einen die Überlebensfähigkeit unseres Raumschiffs beschwören, die anderen die Nöte ihrer Untertanen (oder Staatsbürger). Die einen besitzen Geld und technisches Know-how, von dem sie glauben, es zur Minderung jener Schäden einsetzen zu können, die sie mit dem Erwerb des Geldes und des Know-hows anrichten. Die anderen werden, zu Recht, klagen, daß sie von einer Phase der vernünftigen Selbsteinschränkung noch weit entfernt seien, daß ihr Problem nicht ein Zuviel an wohlstandsfördernder Industrie sei, sondern ein Zuwenig. Kurz: Die einen werden haben wollen, die anderen werden nicht verzichten mögen, und wenn das ganze Treffen erfolgreich ausgeht, werden alle sich dem Erhalt unserer Erde verpflichten. Aber beide Seiten mit anderen Hintergedanken.

Das wäre schon ein hervorragendes Ergebnis. Realistischer ist indes anzunehmen, daß die Sitzung nur den Graben zwischen Arm und Reich, Nord und Süd vertiefen wird. Die Forderung der Habenichtse nach Teilhabe an dem heute vorhandenen Reichtum gilt den einen als Unverschämtheit und Angriff auf mühsam erworbenen eigenen Besitzstand; die Verweigerung dieser Teilhabe den anderen als Hartherzigkeit, Heuchelei oder (neo-) koloniale Herrengesinnung. Es muß nicht so kommen, aber Wunder sind in der Politik recht selten, und deswegen scheint es nicht ungebührlich, sich auf diesen schlimmen Ausgang einzurichten.

Ist also das Thema jener Sondersitzung falsch gewählt? Täten die Vereinten Nationen gut daran, Entwicklung und Umwelt zu trennen, obwohl – und daran kann ja niemand mehr zweifeln – sie untrennbar zusammenhängen?

Darüber wird nachgedacht, und so abwegig ist dieses Denkmanöver nicht: Politik hat wenig mit Tatsachen zu tun, sondern in erster Linie mit den Meinungen, die über solche Tatsachen gerade gehegt, gepflegt und verbreitet werden. Und wenn diese nur zynisch klingende, in Wahrheit aber realistische Behauptung als Arbeitshypothese einmal akzeptiert wird, lohnt es tatsächlich die Mühe, "zweigleisig" zu denken. Dem Norden würde die ihm unter Umständen sehr gelegen kommende Empörung genommen, daß der Süden im Namen von Entwicklung und Umwelt eine Attacke auf den nördlichen Reichtum reitet. Und der Süden würde sich von der als Einschränkung empfundenen Verpflichtung befreit sehen, sich bei seinen Entwicklungsmodellen gleichberechtigt oder gleichrangig um seine Umwelt zu kümmern – eine Verpflichtung übrigens, die viele als nördliche Erfindung zur dauerhaften Knebelung des Südens betrachten. Und sagen wir auch, von einem nördlichen Standpunkt aus gesehen: Dem Norden würde eine Entschuldigung für Nichtstun oder Unentschlossenheit aus der Hand gewunden.

Denken wir also "zweigleisig", fangen wir mit dem Norden an, ganz konkret mit der Bundesrepublik. Wollen wir, die Bundesbürger, die Entwicklung der Dritten oder Vierten Welt, des Südens, der Armen? Natürlich lautet die Antwort "Ja". Ob sie aus schlechtem Gewissen gegeben wird, aus Resten christlicher Verpflichtung zu aktiver Nächstenliebe, aus humaner Gesinnung, oder dem Bedürfnis nach Kompensation entstammt, spielt keine Rolle, wir sagen "Ja". Nur wenige Bundesbürger würden mit ihrem Namen oder Gesicht die Meinung vertreten, daß die Armen aus eigener Schuld arm seien. Viele glauben es, immmerhin fast 20 Prozent der Bundesbürger, aber weit weniger, um die 4 Prozent, getrauen sich, diese Meinung offen auszusprechen. Nun schön, 80 Prozent, das ist eine satte Mehrheit.

Fragen wir weiter: Sind wir also zu Hilfe verpflichtet? Da bröckelt die Front bereits. Nur um die 70 Prozent unserer – im doppelten Sinne des Wortes – satten Mehrheit bekennen sich zu einer Verpflichtung. Auch jetzt haben wir noch eine Mehrheit der Bundesbürger auf der "Hilfsliste". Gehen wir einen Schritt weiter: Wie sieht denn diese Verpflichtung aus? Heißt sie: private Opfer? Das Wort ist schlecht gewählt, "Opfer" ist unscharf, erinnert an Not, an Einschränkungen, an schmerzhaften oder wenigstens fühlbaren Verzicht. Ersetzen wir also das Wort "Opfer" durch ein neutraleres. Sollen wir um dieser Verpflichtung willen etwas von unserem privaten Geld geben? Da atmet die Mehrheit auf, fast 90 Prozent, ja, das ist richtig, jeder einzelne muß etwas geben, spenden, in die Sammelbüchse werfen. Anonym, doch, dafür will man keinen Dank, allenfalls die Gewißheit, daß dieses Geld die Hilfsbedürftigen auch erreicht, vernünftig eingesetzt wird; die Gewissenserleichterung des Spendenaktes ist mit dem pragmatischen Effizienzdenken fein verknüpft. Die Frage, wieviel man denn geben müsse, konnte noch nie beantwortet werden; die Vermutung scheint wohl nicht unangemessen, daß es die eigene Lebensführung nicht beschränken soll. Wir sind bei der üblichen Verwechslung von Hilfe und Mildtätigkeit angelangt. Der durchschnittliche deutsche Spender gibt einen Teil seines Uberflusses. Das ist, in absoluten Summen, nicht wenig, aber relativ gesehen eben sehr bescheiden. Wie schon gesagt: Wir bringen keine Opfer.