Die Erteilung der akademischen Lehrbefugnis verdankt Elisabeth Ströker der Universität Hamburg, wo eine Dreierkommission sie 1963 zu habilitieren empfahl. Diesem Ausschuß gehörte auch der renommierte Philosophie-Ordinarius Günther Patzig (Göttingen) an, der sich in ein verblüffendes Argument zu retten versucht: Die Dissertation über "Zahl und Raum" habe er seinerzeit überhaupt nicht gelesen und über die – in der Sorethschen Dokumentation auszugsweise ebenfalls inkriminierte – Habilitationsschrift ("Philosophische Untersuchungen über den Raum") "nur ein formales Urteil abgegeben": Er sei mit der Materie nicht hinlänglich vertraut gewesen. Im übrigen hält Patzig "Abschreiben" für einen in der Philosophie "ziemlich verbreiteten" Arbeitsstil: "Wir alle übernehmen in unseren Schriften oft andere Gedanken, manchmal vergessen wir auch, daß wir es woanders gelesen haben."

Carl Friedrich von Weizsäcker, in Hamburg "damals der führende Mann" (Patzig), ist verreist und auch telephonisch nicht zu erreichen. Wolfgang Wieland (Heidelberg), der Dritte im Bunde, besteht darauf, daß der Fall erst "innerhalb der Wissenschaft besprochen" gehöre. Nach außen zeigt er statt dessen ein leicht angewidertes Interesse an "der Motivation von Frau Soreth". Viele unter den Herren Professoren glauben inzwischen offenbar zu wissen, daß Frau Soreth, die es ja "nur" zu einer C3-Professur brachte, gegen die C4-Kollegin Ströker schon immer Haßgefühle hegte – als würde sich der Plagiatsvorwurf dadurch in Wohlgefallen auflösen. Neid, Eifersucht, Weibergezänk? Dazu Marion Soreth: "Es ist doch völlig wurscht, warum ich das mache, es geht um die Sache." Und die gehört nach ihrer Meinung an die Öffentlichkeit.

Elisabeth Ströker hält auf Befragen die gegen sie erhobenen Vorwürfe – nachdem sie in den ersten Tagen noch händeringend aus der Fassung geraten war – inzwischen nur noch für "krankhaft", "abgefeimt"; "absurd". Ihren Doktorvätern will sie eine ganz andere, mit den vermißten Quellenhinweisen versehene Dissertation vorgelegt haben. Unterdessen hat sie beschlossen – das dokumentiert ein Anschlag am Philosophischen Seminar –, ihren Dienst Anfang November "in begrenztem Umfang" wiederaufzunehmen. Vorerst müssen also all jene ihre Hoffnungen begraben, die insgeheim darauf spekuliert hatten, sie würde von sich aus um Entlassung in den vorzeitigen Ruhestand bitten.

Aufs unangenehmste ist der kommissarische Geschäftsführer des Kölner Philosophischen Seminars, Klaus Düsing, mit der unappetitlichen Geschichte konfrontiert. Als ein Institutsdirektor, der auf allen Fronten den Forderungen des Wissenschaftsbetriebes gehorchen muß und will, hat er sich nicht nur mit dem Vorwurf des Plagiats herumzuschlagen, sondern auch um den angemessenen Verbleib einer wissenschaftlichen Kritik zu kümmern: Wohin also mit dem unliebsamen Buch von Kollegin Soreth? Im Seminar wird es als Verschlußsache gehandelt. Mal glaubte man das Werk allein unter der Aufsicht des Bibliothekars hinreichend vor unkontrolliertem Zugriff gesichert, mal wurde gar ein angestaubter Platz zwischen den bibliophilen Raritäten in der Glasvitrine als das rechte Versteck erwogen.

Aller Sorgen wähnte sich der Institutsvorstand schon enthoben, als Frau Ströker gegen das Buch ihrer Rivalin eine einstweilige Verfügung erwirkt hatte – schien dies doch den "angenehmen Effekt" zu haben, "daß wir uns nicht näher damit befassen müssen" (Düsing). Doch Marion Soreth mußte nur die letzten elf Zeilen im Nachwort streichen, in denen sie ein etwas zu persönliches Fazit gezogen hatte, während die übrigen 406 Seiten ihres Verrisses juristisch gerade unbeanstandet blieben.

Dabei hatte der Doktorvater Frau Strökers Arbeit, wie sie sich erinnert, als eine so "hübsche" Dissertation bezeichnet. Irene Meichsner