Von Fritz J. Raddatz

Ein Leben wie ein Film; nur mit der seltenen Besonderheit, daß hier jemand alles in einer Person war: Komponist der Filmmusik, Scriptwriter, Regisseur und Hauptdarsteller: Paul Bowles. Der 1910 in New York Geborene war zuerst einmal Flüchtling – ohne Wissen der vermögenden Eltern segelte er ohne einen Pfennig in der Tasche nach Paris, wo in einer entlegenen Zeitschrift, Transition, zur Verblüffung des Neunzehnjährigen eine Erzählung von ihm veröffentlicht wurde. Es war das zweite "Erst-Erlebnis", und beide riefen jene leicht gelangweilte Dejä-vu-Reaktion bei ihm hervor, die für Leben und Werk des Paul Bowles die Erkennungsmelodie werden sollte; das erste war der Anblick nackter Modelle in der School for Design and Liberal Arts gewesen, in der er sich zum Entsetzen des Vaters immatrikuliert hatte; "School of what?" hatte der entgeistert gefragt und hinzugefügt, "Kannst du mir bitte erklären, was ‚liberal art‘ ist?" Bowles erinnert sich an jene erste Stunde des Aktzeichnens mokant: "Ich hatte nie zuvor einen unbekleideten menschlichen Körper gesehen, weder weiblich noch männlich, und nach den ersten Wochen des Observierens dieser seltsamen Phänomene hatte ich keinerlei Bedürfnis, derlei je wiederzusehen. Mir war nicht klar gewesen, daß menschliche Wesen so abschreckend wirken konnten."

Es ist diese Geste der herabgezogenen Mundwinkel, dieser Ton leichter Herablassung und diese Haltung der Distanz auch zur eigenen Person, die typisch sein wird für die Welterfahrung und die Arbeit von Paul Bowles.

Paris brachte drei prägende Lebenserfahrungen, die aber Paul Bowles’ Gelassenheit nie aus der Balance brachten. Er hatte seine erste homosexuelle Liebesbeziehung, die er kaltblütig absolviert, als ebenso belanglos und lächerlich charakterisiert wie seine frühere Sex-Beziehung zu Frauen; prägend aber wohl doch: Paul Bowles wurde in den kommenden Jahrzehnten eine Art Fixstern im Planetensystem der homosexuellen Kulturszene seiner Zeit – er schrieb die Musik für die meisten Tennessee-Williams-Stücke, reiste mit Gore Vidal, war befreundet mit Truman Capote, weihte Allen Ginsberg in die Magie der Drogen ein und sah William Burroughs’ erste Versuche in seiner Wohnung in Tanger, Texte a-logisch zu gruppieren. Tanger ist das zweite Stichwort: Es war Gertrude Stein, die ihn in Paris in ihren Kreis literarischer Freunde einführte und ihm schließlich eine Reise nach Tanger empfahl. Bei Gertrude Stein lernte er Ezra Pound kennen, aber auch, wie hochfahrend die Herrin von "Shakespeare and Company" ihre Gunst verteilte und entzog: ",Ach, ich möchte Ezra nie mehr sehen’, sagte Gertrude Stein eines Tages zu mir, ,es genügt schon, wenn er hereinschneit und hier für eine halbe Stunde herumhockt. Wenn er geht, ist der Stuhl zerbrochen, ist die Lampe zerbrochen‘ – ,und die Teekanne‘, ergänzte Alice Toklas. ‚Ezra ist ganz nett‘, fügte Gertrude Stein hinzu ‚aber ich kann’s mir schlichtweg nicht leisten, ihn einzuladen. Das ist alles.‘" So versuchte Bowles, seine literarischen Bekanntschaften auch außerhalb der Picasso-behängten Räume von Gertrude Stein zu machen, französische Autoren zumeist wie Bernard Fay, Julien Green oder Jean Cocteau, den er häufig besuchte.

Die dritte prägende Erfahrung war die Begegnung mit dem Komponisten Aaron Copland. Freunde hatten ihn empfohlen, und als Copland in Paris eintraf, wurde er dessen Schüler. Sie reisten zusammen durch Europa, Berlin, Zürich, Venedig, München und Hannover, wo Paul Bowles einem unbekannten Mann namens Kurt Schwitters dabei half, Unrat, Balken und allerlei Abfall zu sammeln, aus dem das Etwas entstand, das später als Merz-Bau berühmt wurde.

Seine Bücher lesen sich so, als habe ein gebildeter, etwas müder, gelegentlich blasierter Engländer zum eigenen Zeitvertreib die Kultur gewählt. Die Welt des Paul Bowles ist ein raffiniertes Spiel mit Schönheit und Schein. Unsere – die wirkliche – Welt wird weggefiltert; ob Krieg oder Elend oder Rassenwahn oder Sexualität: In seiner 400 Seiten umfassenden Autobiographie "Rastlos" kommt derlei nicht vor – oder ist peinliche, gar abstruslächerliche Banalität. Das Werk ist eine hochartifizielle Mischung aus luxurierendem Ennui und Bildung. So schuf Paul Bowles nicht nur die Musik zu Tennessee Williams’ "Der Milchzug hält hier nicht mehr" oder "Die Glasmenagerie" und schrieb mit ihm zusammen das Drehbuch für Viscontis Film "Senso"; er komponierte auch für einen Film von Hans Richter, an dem unter anderem Marcel Duchamp, Man Ray und Alexander Calder mitarbeiteten, Sequenzen zu Max Ernsts Collagen "Une Semaine de Bonte" und eine Flötensonate nach Saint-John Perses "Anabasis". Mit Orson Welles arbeitete er an einem Marloweschen Faust, mit Salvador Dalí für das berühmte Ballett des Marques de Cuevas, und Leonard Bernstein schrieb unter seinem Namen Musik für Broadway-Produktionen. Paul Bowles übersetzte Jorge Luis Borges und Ramon Sender, Francis Ponge, André Pieyre de Mandiargues und Jean-Paul Sartre, von dem er eines seiner genüßlich-despektierlichen Portraits fixierte: "Als Sartre in New York eintraf, traf Jane ihn auf einer Party einen Tag bevor er mit seiner portugiesischen Freundin Dolores Ehrenreich zum Lunch kam. Als er seinen Mantel ablegte, hörte ich Jane sagen, ‚Wir haben uns gestern kennengelernt‘. Sartre zuckte die Achseln und sagte: ‚Vielleicht. Hab‘ ich wohl vergessen.’ Über Jane’s ‚Ich nicht‘ wollte ich mich ausschütten vor Lachen."

Jane. Hier taucht das erste Mal der Name der Frau auf, die wir heute als eine der bedeutendsten amerikanischen Schriftstellerinnen schätzen und deren Leben – nach ihrer Heirat mit Paul Bowles – seltsam flackernd durch seine Memoiren geistert: die lesbischen Liebesverhältnisse wie ihre Trunksucht wie ihr oft gänzlich verzweifelter Kampf mit den Worten. Ein anämisches Paar, das gemeinsam die halbe Welt bereist, das sich trennt, um zueinanderzufinden, dessen Auseinanderdriften reguliert wird von Sehnsucht. Sie waren ein Chagall-Paar.