Auf der Bühne gemeinsam zu vergreisen, etwa wie die Altenbegegnungsstätte Modern Jazz Quartett, das war dem Schlagzeuger Art Blakey zuwider. Er suchte unaufhörlich das Bad in der Jugend. Schon im Februar 1954, in den siedend heißen Nächten im "Birdland" von New York City, bekannte er sich zu seiner Verjüngungs-Meise: "Yes sir, I’m gonna stay with the youngsters. When these get too old I’m gonna get some younger ones. Keeps the mind active." Immer mit den Jüngsten zusammen, das hält jung. Hinter ihm auf dem Podium hockten hochbegabte Rotznasen: der Pianist Horace Silver, der Bassist Curley Rüssel, der Altsaxophonist Lou Donaldson und der Trompeter Clifford Brown. Alle bis auf Rüssel waren Mitte Zwanzig. Blakey war damals 34 Jahre alt, jedenfalls alt genug, um einem Quintett vorzustehen, das als Archetypus des Hard Bop in die Geschichte eingegangen ist.

Hard Bop, das war der Sound der Ostküste der Vereinigten Staaten. Das war wie Bebop mit Muskeln. Das war der fettarme Geradeaus-Jazz der Schwarzen. Er stank nach Schweiß und Blues aus allen Poren. Zur gleichen Zeit spielten die weißen Musiker der Westküste einen Jazz, der so klang wie der Titel, über den sie oft improvisierten: "You and the night and the music". Die Palmen des Pazifiks rauschten leise, und Jane sagte: "Küß mich, George!" Dagegen war die Musik von Art Blakey und seinen Leuten, die sich später Jazz Messengers nannten, eine eher rauhbeinige, aber ehrliche Aufforderung, sich ins Bett zu begeben.

Diese aggressive Geradlinigkeit hatte Blakey in seinem Schlagzeug-Spiel völlig verinnerlicht. Aus ihm schienen die Swing-Trommler Chick Webb und Sid Catlett zu geistern. Er war die kraftvolle Lokomotive seiner Ensembles und setzte seine Musiker mächtig unter Dampf. Ausspielen, sich leer spielen, das konnten seine Jungs bis zum Exzeß. Dabei war Blakey selbst von einer erfrischenden Ehrlichkeit zu sich selbst. Er war nicht der Typus des Künstlers, der vor Begeisterung über sich selbst feuchte Augen bekommt. Im Gegenteil. "Ich bin kein Heuchler", sagte er. "Ich mache Fehler auf der Bühne. Und meine Fehler sind laut. Aber das ist der Spaß an der Musik. Man lernt."

Über viele Jahre waren die Jazz Messengers von Art Blakey eine Art Brutkasten für junge Talente, die später große Stars wurden: Donald Byrd, Johnny Griffin, Lee Morgan, Wayne Shorter, Freddie Hubbard, Keith Jarrett, Chuck Mangione, Woody Shaw, Joanne Brackeen und Wynton Marsalis. "Er lehrt dich", sagte der Saxophonist Donald Harrison, "daß das wichtigste ist, ehrlich zu dir selbst zu sein."

Die Schule der Wahrhaftigkeit im Jazz, das war es, worauf es Art Blakey ankam. Du sollst deine Musik nicht parfümieren, du sollst sie nicht schminken, du sollst keine Maske tragen. Das war es, was Blakey predigte. Insofern war er einer der großen Fundamentalisten des Jazz, der bis zuletzt das praktizierte, was man in einer Vermengung von Kirche und Küche soul cookin’ nennt. Übrigens etwas, das die Feinkostfetischisten des Jazz vor Angst in den Topf springen läßt.

Wenn Blakey mit seinen Jazz-Evangelisten in "Blues March" das Militärische zum Teufel schickte, wenn er in "Moanin" Gospel in die Aktualität transportierte, dann war er schon zu Lebzeiten klassisch im besten Sinne. Er war ein Weitgereister, auch im übertragenen Sinne. In Afrika war er ein Jahr lang auf den Spuren des Islams gewesen. Art Blakey, Abdullah ibn Buhaina, geboren am 11. Oktober 1919 in Pittsburgh, starb am 16. Oktober 1990. Michael Naura