Die italienischen Kumpels waren vorgewarnt und blieben zu Hause. Aber ihre europäischen Kollegen brummten in die Falle. Vor gut einer Woche ließ Italiens Transportminister Carlo Bernini alle Grenzübergänge nach Österreich für den ein- und ausgehenden Lastwagenverkehr schließen. Und wieder sieht es am Brennerpaß so aus wie schon öfter in den vergangenen Jahren: lange Kolonnen von Lastwagen auf seiden Seiten, überfüllte Abstellplätze, fluchende Fahrer, achselzuckende Zollbeamte. Dennoch ist diesmal einiges anders.

Bisher richtete sich der Zorn der Fernfahrer und des betroffenen Transportgewerbes mal gegen Österreichs Behörden, mal gegen den italienischen Zoll – je nachdem, ob Italiens Grenzer streikten und damit das Chaos heraufbeschworen oder ob Österreich Schutzmaßnahmen für die von Dieselabgasen und Verkehrslärm gestreßten Bewohner der Alpenländer durchsetzen wollte. Gegen italienischen Bummelzoll und österreichisches Nachtfahrverbot waren sich die Straßentransportverbände aller Länder einig.

Gegen die neue Grenzsperre finden sich die Fahrer aus dem Norden plötzlich allein gelassen. Manche versuchen die Flucht über die französische und jugoslawische Grenze. Wer weniger als 28 Tonnen Gesamtgewicht auf den Rädern hat, dem erlaubt auch die Schweiz eine Durchfahrt. Aber selbst an diesen Schlagbäumen warten Hunderte von Lkw auf Abfertigung. Denn wieder einmal, und unabhängig von der Bernini-Sperre, streiken Italiens Zollbeamte. Mit ihrem Dienst nach Vorschrift wollen sie Roms Regierung dazu zwingen, die Bestimmungen einer neuen Zollreform zu revidieren. Deshalb fertigen sie unter anderem niemanden mehr nach 14 Uhr ab.

Berninis brutale Grenzsperre ist der vorerst letzte Schlag in der langwierigen Auseinandersetzung mit Österreich um eine Verbesserung des Alpentransits. Italiens Transportminister hatte dabei seinem Wiener Kollegen Rudolf Streicher gegenüber bisher Verhandlungsbereitschaft gezeigt. Der besteht darauf, daß der Verkehr über die Alpen verstärkt per Huckepack über die Bahn abgewickelt wird. Inzwischen pendeln auch tagtäglich mehrere Tiefladezüge zusätzlich auf der Brennerstrecke. Da aber das italienische Transportgewerbe trotz günstiger Tarife nicht so leicht zu einer Fahrt auf Schienen bereit ist, wird das Angebot zumindest von der Südseite aus nicht voll genutzt.

Dagegen klagen die italienischen Transportunternehmen darüber, daß ihnen Österreich zuwenig Durchfahrgenehmigungen ausstellt. Schon lange reicht den Italienern das Transitkontingent nicht mehr, welches ihnen das Wiener Transportministerium zugesteht. Als auch die Bundesrepublik und andere EG-Partner gegen die starke Einschränkung des Alpentransits durch Österreich protestierten, sah Italien den günstigen Augenblick zum Aushandeln besserer Bedingungen gekommen.

Aber Wien kam Rom zuvor und kündigte etwas schneller die bestehenden Verträge. Gleichzeitig versprach Streicher jedoch seinem Kollegen Bernini großzügig, er werde bis zum Abschluß eines neuen Vertrages dem Wunsch des italienischen Transportgewerbes entsprechen und die zeitlich gestaffelten Transitgenehmigungen so früh zusenden, daß die trotz der langsamen italienischen Post rechtzeitig vorlägen. Dann allerdings geschah es, daß italienische Fernfahrer den österreichischen Grenzern Anfang Oktober Transitpapiere präsentierten, die erst ab 20. Oktober gültig waren. Die Beamten schickten die Lastwagen zurück. Daraufhin sperrte Rom die italienisch-österreichische Grenze.

Hatte Bernini allerdings bisher den Beifall des deutschen Transportministers und das Wohlwollen der Brüsseler Behörden, so fordert Bonn nunmehr sofortige freie Fahrt, und der EG-Transportminister Karel van Miert droht mit einer Klage. Eine Grenzsperre dieser Form verletze alle EG-Regeln, erklärt Miert.

Da sogar Transporte mit verderblichen Gütern gestoppt werden, ist der Schaden für die europäische Wirtschaft besonders groß. Jährlich passieren 800 000 Lastzüge die Nord-Süd-Achse. Noch frohlockt Italiens Transportgewerbe über den "Gegenschlag", und nur die kleine Gruppe der italienischen Grünen hält Österreichs Argumente für richtig. Aber die Zeit arbeitet diesmal gegen Rom.