Von Thierry de Montbrial

PARIS. – Mancher Freund Frankreichs in Deutschland scheint heutzutage gelegentlich zu denken, die Franzosen stünden angesichts der Wiedervereinigung unter einem Schock – so als hätten wir in den letzten zwölf Monaten auf die Geschwindigkeit der Ereignisse nicht reagiert, als hätten wir unter einem alternden Präsidenten jedwede Fähigkeit verloren, die Initiative in Europa zu ergreifen, als bescheinige die neue Lage Frankreichs Abstieg und Schwächung, als hätten wir unter diesen Bedingungen beschlossen, uns schmollend in einen Winkel zurückzuziehen und abzuwarten, bis die Zeit uns aus der Lähmung erlöst.

Aber eine solche Bewertung hat mit der Realität nichts zu tun. Gewiß verhielt sich Frankreich nach der Öffnung der Mauer am 9. November 1989 zunächst abwartend. Aber wir konnten doch nicht schneller sein als die Deutschen selbst! Damals glaubte selbst Bundeskanzler Kohl nicht, daß sich die Dinge so rasch entwickeln würden. Anschließend ging es dann darum, die Frage der Grenzen eines vereinten Deutschland zu klären, und auch das brauchte eine gewisse Zeit.

In ihrer ganz großen Mehrheit wollte die politische Klasse Frankreichs nichts, aber auch gar nichts tun, was den Vereinigungsprozeß gebremst hätte. Es ist ja nicht ohne Grund, daß heute die Sowjets hinter vorgehaltener Hand uns Franzosen vorwerfen, wir hätten sie bei der deutschen Frage "im Stich gelassen". Glücklicherweise war Frankreich nicht versucht, das alte Spiel wechselnder Allianzen wiederaufzunehmen. Im Gegenteil: Frankreich hat wesentlich zu dem großen Ereignis beigetragen, welches alle westlichen Demokratien gemeinsam mit den Deutschen am 3. Oktober 1990 gefeiert haben.

In ihrer überwiegenden Mehrheit sind die französischen Politiker überzeugt, daß es – heute noch mehr als früher – keine andere mögliche Politik gibt als die des Ausbaus der Europäischen Gemeinschaft. Aber sie halten auch dafür, daß in der gegenwärtigen Situation vor allem die Deutschen durch konkrete Taten beweisen sollten, daß auch sie dazu bereit sind. Wie viele andere Europäer werden die Franzosen deshalb sehr genau darauf achten, welche Positionen Bonn (oder Berlin) in den beiden Regierungskonferenzen einnehmen wird, die zur Währungs- und Wirtschaftsunion sowie zur politischen Union Europas führen sollen. Sie hoffen, Bundeskanzler Kohl wird auf diesem Feld nicht weniger Führungskraft an den Tag legen als bei der deutschen Einigung.

Gewiß, viele Politiker und Kommentatoren (der Verfasser dieses Artikels eingeschlossen) würden diesem Programm gerne rasch eine sicherheitspolitische Dimension hinzufügen. Manche von uns glauben denn auch, Präsident Mitterrand habe zu schnell den Abzug eines Teils der in Deutschland stationierten französischen Truppen angekündigt. Aber leider ist die politische Konjunktur im Augenblick kaum reif für eine große Initiative zugunsten der europäischen Verteidigungsgemeinschaft. Vielleicht sollten die Deutschen in dem französischen Verhalten auch eine Geste der Achtung vor einem großen Partner sehen, der gerade seine volle Souveränität zurückerhalten hat. Das schließt keineswegs aus, daß es im Rahmen eines sorgfältig durchdachten Abkommens eines Tages durchaus denkbar wäre, französische Truppen in Deutschland und vielleicht auch deutsche Truppen in Frankreich zu stationieren.

Die deutsch-französische Entente bleibt der Eckstein des europäischen Gebäudes. Aber in dieser Hinsicht wird nichts Bedeutendes geschehen, wenn der deutsche Bundeskanzler und der französische Staatspräsident nicht gemeinsam zutiefst davon überzeugt sind – wie Konrad Adenauer und Charles de Gaulle, Helmut Schmidt und Giscard d’Estaing es waren –, daß diese Freundschaft in der Zukunft so lebenswichtig bleibt, wie sie in der Vergangenheit war.