Von Wolfgang Boller

Der empfindsame Rebell durchwanderte zwischen Lausanne und Vevey in heftiger Gemütsbewegung die Landschaft seiner künftigen Romanfiguren. Er überließ sich der süßesten Schwermut, seufzte und weinte wie ein Kind und ließ, auf einem Stein sitzend, seine Tränen in den See fallen: "... sagt, ob die Natur dies schöne Land nicht für eine Julie, für eine Klara und für einen St. Preux geschaffen hat!"

Der Bürger Rousseau ist auf den kilometerlangen Uferpromenaden des Genfer Sees selbst ein Schatten der Erinnerung geworden wie die neue Heloise, wie François Bonnivard, der Gefangene von Chillon, wie Germaine de Staël, die Widersacherin Napoleons, wie Lord Byron und Ohm Krüger, wie die berühmten Reichen, Ruhelosen und Gejagten, die glaubten, daß dieses betörende Stückchen Welt im Kanton Waadt ihre eigentliche, endgültige Heimat sei. Manche ihrer Schicksale und Wege sind nachzulesen auf Bronzetafeln am Seeufer, auf Denkmalsockeln, Grabsteinen und an den Namen ihrer Lieblingshotels. Sie haben sich im Land der Winzer, Älpler und Gastronomen bei so viel Vergänglichkeit ein wenig Unsterblichkeit ergattert.

Der Oktober hat die kostbaren Rebenhügel, die ihr Versprechen für dieses Jahr wieder eingelöst haben, mit Farbklecksen gezeichnet, als würden zwischen Himmel und Erde kleine Feuer brennen. Die Dörfer auf den Weinterrassen des Calamin und Dezaley haben zur eigenen Geschäftigkeit zurückgefunden. Grüngelber Most fließt aus den Keltern. Aus jeder offenen Kellerluke dringt wie ein Schwall der Duft von gärendem Wein.

Die Anzeige Bed and Breakfast am Dorfeingang von Chardonne gleicht einem vergessenen Dekorationselement aus dem sommerlichen Doppelleben der Gemeinde. Die altgediente Bergbahn von Vevey zum Mont Pelerin mit seinen Luxushotels auf der Aussichtsplattform über den grünen Abgründen hält nur noch gelegentlich auf Verlangen rotbäckiger Waadtländerinnen mit runden Einkaufskörben. Die Gemeinde rumort, summt und klirrt in eigener unveränderter Weise, sie gehorcht jetzt ihren eigenen Gesetzen, feiert ihre eigenen Feste, in jedem Weinbauernhof eins.

Dies wäre wohl die gegebene Zeit, den Kanton bei sich selbst zu besuchen – jetzt, wenn der Fremde (im Genuß reduzierter Nachsaisonpreise) sich des Gefühles nicht erwehren kann, daß er den Leuten im Weg herumsteht.

Ist ja nicht wirklich so. Der Fremde ist bei jedem Fest willkommen, als sei er Bacchus in der Freizeitjacke eines Rentners aus Gelsenkirchen. Noch schnattern die Helikopter der Air Glacier auf Passagierflügen (eine Minute 29 Franken) über die Almhöhen der Waadtländer Berge, noch fahren die Heißluftballons von Château-d’Oex über das Pays d’Enhaut (die Stunde pro Person 250 Franken), noch wird für das Publikum in Schaukäsereien die Zubereitung von Gruyere und L’Etivaz demonstriert, werden im Handwerklichen Museum von Echallens in vier Ofen Brote, Weggli und Zöpfli gebacken, gibt es Tennis und Golf, organisierte Ausflüge, Wanderungen, Radtouren. Die Heimatmuseen sind geöffnet (sehenswert: Ernährungsmuseum in Vevey, Weinmuseum in Schloß Aigle), die Schwimmbäder, Hotels und teuren Restaurants (die preiswerten sowieso). Und immer ist Zeit für ein Glas Wein und ein Gespräch über den Wein.