Von Marion Rollin

Lena und Boris Nikitin, Eltern von sieben Kindern, leben vierzig Kilometer nordöstlich von Moskau in dem kleinen Dorf Bolschewo, das sich jeden letzten Sonntag im Monat mit Fremden füllt. Hunderte von Eltern aus allen Teilen der Sowjetunion strömen in das "Gesellschaftspolitische Zentrum" in der Isajewstraße. Der Grund ihrer Pilgerfahrt: Boris Nikitin, laut Visitenkarte von Beruf "Vater", hält Vorträge über ein ungewöhnliches Modell der frühkindlichen Erziehung. Das Grundprinzip: So viele und so unterschiedliche Anregungen wie möglich – schon von der Wiege an! Kein Druck auf den Nachwuchs von Seiten der Eltern! Allein das Kind entscheidet, was, wann und wie es etwas tun will! Und schließlich: Größtes Engagement und Spürsinn der Eltern für die Neugier ihrer Sprößlinge!

Als Nikitins Ideen Mitte der siebziger Jahre durch die Journalistin Marianna Butenschön bekannt wurden (ZEIT Nr. 47/75), entdeckten viele Übereinstimmungen mit den damals überall diskutierten Konzepten aus dem antiautoritären "Summerhill". Man horchte auf. Denn anders als bei dem englischen Internatsleiter A. S. Neill, in dessen pädagogischem Freiheitsbegriff so mancher Zügellosigkeit und ein Defizit an Bildung und Wissen argwöhnte, sah man bei den Nikitins zunächst erstaunliche Leistungserfolge. Die Verbindung von Lust und Leistung faszinierte an dem russischen Erziehungsmodell. Bis heute wächst die Gemeinde der Nikitianer. Und Boris Nikitin, der rührige Vater, inzwischen 73 Jahre alt und mehrfacher Großvater, propagiert immer noch leidenschaftlich sein Familienexperiment.

An seinen eigenen Kindern hat er es erproben können. Das Resultat waren sieben Wunderkinder: Mit knapp drei Jahren konnten sie lesen, mit vier verstanden sie Pläne und Zeichnungen, mit fünf konnten sie einfache Gleichungen lösen, reisten interessiert auf der Weltkarte herum, mit sechs hatte die Grundschule ihnen nichts Neues mehr zu bieten. Anton absolvierte die vier Jahre in einem, Anja kam gleich in die zweite Klasse, Julija sprang von der ersten in die dritte. Kein Wunder, daß Nikitins pädagogisches Angebot karrierebewußte Eltern lockt, die gleichwohl nichts von Drill und Strenge halten.

Was ist aus den Nikitin-Kindern, die jetzt alle erwachsen sind, geworden? Marianna Butenschön hat sie noch einmal besucht, die Protokolle von Gesprächen zwischen den Geschwistern und den Eltern liegen jetzt als Buch vor:

  • Nikitin/Butenschön:

Die Nikitin-Kinder sind erwachsen