Von Marion Gräfin Dönhoff

Noch 1984 hatte die südafrikanische Regierung keine Vorstellung von der Verwandlung, die in ihrem Lande vor sich ging. Damals verkündete Pretoria eine neue Verfassung, die Indern und Mischlingen ein gewisses Stimmrecht einräumte. Gerade dies aber gab den Anstoß zu der revolutionären Entwicklung, weil die Schwarzen mit Fleiß von dieser Veränderung ausgeschlossen wurden – die Regierung war überzeugt, sie weiterhin als Un-Personen behandeln zu können.

Seither wird die Apartheid systematisch demontiert. In der vorigen Woche wurde das Gesetz aufgehoben, das den Schwarzen den Zutritt zu bestimmten Parks, Theatern, Schwimmbädern, Büchereien verbot. In den großen Städten Johannesburg, Durban und Kapstadt war die Durchsetzung dieser Vorschriften zwar längst nicht mehr gewährleistet, aber in der Provinz löst diese Entscheidung jetzt wütende Reaktionen aus. So sind einige Städte, die von der konservativen Partei regiert werden, dazu übergegangen, von Benutzern ihrer Bibliotheken 300 Mark Gebühr und von Schwimmbad-Benutzern den Nachweis des Wohnrechts im weißen Gebiet zu verlangen.

In diesen Tagen ist nun auch im letzten Staat der Union, in Natal, der Ausnahmezustand aufgehoben worden; damit ist eine der Vorbedingungen des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) für Verhandlungen erfüllt. Schließlich hat Präsident de Klerk zugesagt, in Kürze die Rassentrennung in den Wohngebieten und auch das Landerwerbsgesetz aufzuheben, demzufolge die Schwarzen nie mehr als insgesamt vierzehn Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche besitzen dürfen.

Viele Veränderungen sind bereits durchgeführt worden. Nicht nur die Abschaffung der Paßgesetze, sondern auch Reformen, die viele gar nicht wahrgenommen haben. So zeigte ein Vergleich der Pro-Kopf-Ausgaben für weiße und schwarze Schüler im Jahre 1972 die achtzehnfachen Aufwendungen für weiße, heute ist es nurmehr das Viereinhalbfache. Schließlich haben die Homelands, die als verfassungsmäßige Handhabe für die Apartheid unentbehrlich waren, in den Augen der Regierung jegliche Bedeutung verloren.

Bisher sah es so aus, als ob das Verständnis, das de Klerk und Nelson Mandela einander entgegenbringen, die Garantie für eine friedliche und zügige Entwicklung bieten könnte. Jetzt aber erscheint dies gelegentlich zweifelhaft. Die Schwarzen werden ungeduldig; in der ANC-Führung zeichnet sich Polarisierung ab, ein Teil mißbilligt den Verzicht auf Gewalt; auch die jungen Radikalen wollen kämpfen. Bei ihnen wächst der Argwohn, Mandela sei den Weißen gegenüber zu nachgiebig.

Und die Chefs der wichtigsten Schwarzen-Organisationen, Mandela (ANC) und Buthelezi (Inkatha), die beide gleichermaßen kompromißlos für Abschaffung der Apartheid eintreten, verkehren miteinander wie feindliche Großmächte. Buthelezi sagte ein verabredetes Treffen ab, weil er als Ministerpräsident von Kwa-Zulu, nicht als Chef der Inkatha eingeladen wurde. Hinter den Kulissen treffen sich Abgesandte der feindlichen Brüder, Präsident de Klerk spricht abwechselnd bald mit dem einen, bald mit dem anderen. Jetzt ist ein neues Treffen angesetzt – hoffentlich kommt es zustande. Der ANC gerät überdies in Schwierigkeiten wegen seiner Verflechtung mit der kommunistischen Partei.