ZEIT: Herr Bundeskanzler, wir leben in einer außerordentlichen Epoche. Die heutige Generation hat die Chance, den Kontinent ganz neu zu bauen. Unsere Staatsmänner aber führen überall Wahlkämpfe, basteln an Koalitionen und schlagen sich mit Skandalen herum. Besteht da nicht die Gefahr, daß die Architektur zu kurz kommt: Bau und Einrichtung des künftigen gemeinsamen Europäischen Hauses?

Vranitzky: Die Alltagsarbeit ist auf alle Fälle zu machen. Wahlkämpfe sind zu schlagen. Wenn die europäische Architektur aus prinzipiellen Gründen zu kurz käme, dann käme sie auch ohne Innenpolitik zu kurz.

Meine positive Einstellung zu dem, was Sie mit "neuer europäischer Architektur" meinen, ist unverändert. Die anfängliche Freude über das Tempo, mit der der europäische Westen sich der Architekturfragen im Osten annimmt, ist allerdings mittlerweile getrübt. Von der Anfangsbeschleunigung ist nicht mehr viel übrig.

ZEIT: Wie stellen Sie sich die neue europäische Architektur vor? Und wo sehen Sie den Platz Österreichs in ihrem Gefüge: innerhalb einer Europäischen Gemeinschaft, der Österreich beitritt und die sich nach Osten erweitert? In einem mythischen Mitteleuropa, einer mitteleuropäischen Föderation, die erst östlich der deutschen Grenze beginnt? In dem "Pentagonale" des italienischen Außenministers de Michelis, dem Fünfeck Wien, Prag, Budapest, Belgrad, Rom?

Vranitzky. Zunächst wird man für künftige europäische Architektur erst einmal die Grundsteine legen müssen. Das heißt: Wir müssen alles nur Denkbare unternehmen und die ökonomischen und sozialen Strukturen in den osteuropäischen Staaten umbauen. Das ist die Voraussetzung für eine neue politische Struktur – und die Voraussetzung dafür, daß nicht starke soziale und politische Spannungen entstehen.

ZEIT: Wer macht dies in Europa – jeder für sich allein, die Gemeinschaften, die wir haben, oder neue Hilfsorganisationen auf europäischer Basis?

Vranitzky: Nötig ist ein Netzwerk von all diesen Faktoren: der Ausbau der bilateralen ökonomischen Beziehungen, die internationalen Gemeinschaften, die neue europäische Entwicklungsbank. Aber auch die Osteuropäer haben tatkräftig mitzuhelfen. Das hängt vor allem an dem Abbau der zentralbürokratischen Strukturen.