Bonn

Das Auswärtige Amt hatte mit weitaus weniger Demonstranten gerechnet. Tatsächlich erschienen statt der erwarteten hundert mehr als dreihundert Angehörige der im Irak festgehaltenen Geiseln. Ehefrauen, Freundinnen, Mütter, Väter, Kinder und Geschwister standen am Freitag mittag vor der Pforte des Amts und begehrten Einlaß.

Vorangegangen war ein Schweigemarsch durch die Bonner Innenstadt. "Unsere Männer sind in Not – die Regierung schweigt sie tot", "Golfkrise: Deutsche Unterhändler statt deutsche Waffen" oder "Wir wollen Wiedervereinigung, mit unseren Männern": Aus den Parolen auf den Transparenten sprach die seit zweieinhalb Monaten angestaute Sorge, aber auch Empörung gegenüber der Bundesregierung, von der sich viele schlichtweg "verlassen" fühlen.

"Ich habe jetzt genug von der Hausfrauenberuhigungstaktik", ereiferte sich Ilona Ritschel aus Bochum, deren Mann von den Irakern aus Kuwait an einen unbekannten Ort im Irak verschleppt wurde. Sie selbst war unmittelbar vor der Invasion nach Deutschland geflogen, um neue Ware für ihre Boutique in Kuwait einzukaufen. Am Anfang, sagt sie, habe sie täglich mit dem Auswärtigen Amt telephoniert, sehe jedoch mittlerweile darin keinen Sinn mehr – "ich erfahre ja doch nichts". Ob die regelmäßigen, über das Auswärtige Amt nach Bagdad weitergeleiteten Briefe ihren Mann erreichen, weiß sie nicht. Sie erhält keine Antwort.

Unter den Geiseln im Irak sind derzeit rund vierhundert Deutsche. Vierundsiebzig von ihnen sind als "lebende Schutzschilde" an unbekannten Orten in der Nähe militärischer Einrichtungen untergebracht. Sie sind überhaupt nicht erreichbar, und für ihre Angehörigen ist die Situation besonders zermürbend. "Ich schalte vom Radio zum Fernseher und vom Fernseher zum Radio", sagt Rosemarie Brenk, von deren Mann seit Wochen jedes Lebenszeichen fehlt.

Manche Männer, die in einer Wohnung oder im Hotel festgehalten werden, können zumindest regelmäßig mit ihren Angehörigen telephonieren. Soweit möglich, versucht der Krisenstab in Bonn Kontakt zu den Geiseln zu halten. Doch in vielen Fällen kann er nichts tun. Damit allerdings wollen sich die Angehörigen nicht abfinden. Um etwas zu tun gegen die Hilflosigkeit und die Isolation, hat die Münchnerin Patricia Hundsdorf mit anderen betroffenen Frauen die "Kontaktbörse Geiselangehörige" ins Leben gerufen.

Aus der Selbsthilfeorganisation hat sich inzwischen ein bundesweites Netzwerk entwickelt. Die Geisel-Angehörigen stehen miteinander in Verbindung, tauschen Informationen aus, spenden sich gegenseitig Trost. Hier haben viele die Solidarität gefunden, die sie handlungsfähig werden ließ. In zwei Wochen mobilisierte die Gruppe Frauen, Männer und Kinder, machte mit der Demonstration in Bonn auf ihre Probleme aufmerksam. In einer an Außenminister Genscher gerichteten Resolution stellten sie die Forderung nach Unterhändlern, die im Regierungsauftrag nach Bagdad entsendet werden sollen.