ARD, Donnerstag, 18. Oktober: "Zuckersuß"

Der Stoff, der uns die Erfüllung unserer süßesten Träume beschert, wird aus einem prosaischen Tiefwurzler mit Namen Runkelrübe gewonnen. Aus Rohsaft, Dunnsaft, Dicksaft und Rohzucker wird schließlich der weiße Kristall C 1 2 H2 2 O 1 1, und der ist "reine Chemie". Niemand braucht ihn für die Gesundheit, alle wollen ihn für den Genuß, und manche machen ihn zu viel Geld.

Das Feature von Herbert Stelz (HR) über die "süßen Verführer" steht für ein Stück Fernsehaufklärung, die ohne pädagogische Attitüden und ohne polemischen Übereifer auskommt. Der Film entrollt eine Landkarte, auf der die Standorte der Interessenten eingetragen sind: hier das große Heer der Verbraucher, Sie, ich, jedermann, dort die Gruppe der Anbieter: die Süßwaren-, Getränke-, Lebensmittelindustrie, die Rüben anbauende Landwirtschaft und die Marketing-Firmen in Sachen Zucker. Drumherum besorgte Ärzte, Ernährungswissenschaftler und Konsumentenvertreter. Wie kommt es, daß der weiße Tröster uns so lieb ist?

Vor hundert Jahren galt Zucker als Luxusgewurz. Die Reichen hielten ihn in Kristallschalen und genossen ihn maßvoll, dem Volke war er fremd. Als Leckerei genügten Äpfel, Nuß und Mandelkern und ein Stück Honigkuchen zur Weihnacht. Karies und ernährungsbedingte Zivilisationskrankheiten waren selten.

Unstrittig ist, daß er den Zähnen schadet, wahrscheinlich, daß er den Stoffwechsel belastet, zur Fettleibigkeit führt und Krankheiten wie Diabetes begünstigt. Positive Wirkungen können ihm nicht gutgeschrieben werden. Zwar "braucht" der Körper Zucker, aber den stellt er selber her, und C 1 2 H 2 2 O 1 1 ist dafür überflüssig. Die Abfüllung insbesondere der Jüngsten mit Lollis, Schoko und fabrikzuckerhaltigen Limonaden tut nur einem gut: der Zuckerlobby.

Deren Werbeagenturen stützen sich auf eine tiefsitzende menschliche Sehnsucht nach süßer Begütigung: Die Muttermilch ist zuckerreich – allerdings ist dieser Zucker kein toter chemischer Stoff, sondern lebendes Ingredienz wie der im Apfel – die unbewußte Erinnerung an erste Sättigungen bleibt offenbar ein Leben lang stimulierend wirksam. "Die Natur", sagt ein Experte, "macht Süßwarenwerbung leicht." Viel schwerer sei es, eine gute Reklame für gesunden Rosenkohl und Rettich zu entwickeln. "Zucker ist Sonne zum Essen", lügt die Reklame, und ein kleiner Kalorienbomber ist gleich der "Keks fürs Leben".

Immerhin darf ein Film wie dieser vor einem Millionenpublikum wiederholen, daß die Industrie vergeblich gegen die Zuschreibung "Schadstoff Zucker" vor Gericht zog. Man darf die Wahrheit sagen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Konsequenzen praktisch werden. Beim Tabak hat’s auch klein angefangen. Und heute raucht zum Beispiel in einer TV-Serie wie "Dallas" kein Aas mehr, nicht mal J. R.

Barbara Sichtermann