Eine Locke nur. Mehr ist nicht geblieben. Eine kleine Bronzescherbe mit dem Relief sanft geschwungener Haarstrahnen. Und auch sie noch umstritten. Ist’s möglich, stammt sie wahrhaftig vom Haupt eines Athleten, dem ein Bildhauer namens Polyklet einst olympische Gestalt gegeben hat?

Eine ganz außerordentliche Locke jedenfalls. Reliquie eines Heldenleibes, der schon vor zweieinhalbtausend Jahren Gegenstand andachtigster Bewunderung war und Grundfigur so mancher philosophischen Beweisführung. Daß zum Beispiel die sophistische Behauptung, Tugend sei lehrbar, barer Unsinn sein müsse, gab einmal Platon zu bedenken, zeige just das Familienschicksal Polyklets. Dessen Söhne, schaut sie euch nur an, doch nichts seien im Vergleich zu ihrem wackeren Vater. Quod erat demonstrandum. So berühmt muß der Künstler ehemals gewesen sein, daß noch Jahrhunderte spater die Legende von Herrn Hipponikos erzählt wurde, der aus nicht ganz uneigennützigen Gründen eine Statue bei Meister Polyklet in Auftrag geben wollte, wovon ihm die Freunde allerdings abrieten. Eine glatte Fehlinvestition, warnten sie. Vom Nachruhm hätte der Stifter gar nichts, der ginge zu hundert Prozent auf das Konto des Statuenmachers.

Polyklet, nicht einer also unter anderen, sondern "der Bildhauer der griechischen Klassik". Und Äonen über sie hinaus. Soweit wir die Geschichte der Kunst überblicken, habe kein Bildhauer ihre Entwicklung tiefer geprägt und nachhaltiger beeinflußt: Mit artig gedämpftem Stolz kündigt das Liebieghaus, Frankfurts verwunschenes Museum alter Plastik, den Champion aller Klassen an. Soweit wir die Geschichte der Kunst überblicken, hat es sie tatsächlich noch niemals gegeben, die große Ausstellung zum Werk des famosen Polyklet. Eine Ausstellung, in der kein einziges Stuck der Gefeierte selbst gebildet hat. Es sei denn, die bronzene Locke.

Die stabile Verehrung hat den Verehrten nicht vor dem Schicksal bewahrt, daß sich keines seiner Geschöpfe erhalten hat. Ein schönes Exempel dafür, daß die Kunst ewig sein kann, auch wenn das Kunstwerk sich als hinfällig erweist. Irgendwann nämlich wurde die Bronze kostbar. Und die Begehrlichkeit erinnerte sich des olympischen Hains, wo immerhin rund tausend Bronzestatuen gestanden haben sollen. Zeugen einer grandiosen Bildhauertradition, an der im 5. und 4. vorchristlichen Jahrhundert alle überlieferten Namen der griechischen Plastik mitgewirkt hatten: Myron, Phidias, Praxiteles, Lysippos und unter ihnen und ihnen voran eben Polyklet.

Nichts blieb stehen von ihrer heidnischen Galerie. Die Christen, denen es zumindest bis zu Winckelmanns entschiedenem Einspruch an jeglichem Sensus für die "Schönheit des Nackenden" gebrach, ließen zerschlagen, was immer ihnen erreichbar war. Und da ihnen fast alles erreichbar war, fiel die Einschmelze gründlich aus. Mit ihr verlieren sich auch die biographischen Spuren, die das Geschichtsgedächtnis so lange aufzubewahren verstand. Kam Polyklet aus Argos oder aus Sikyon, also aus der Gegend südlich oder nördlich von Korinth? Wann ist er geboren? Um 480? Wann gestorben? Um 420? Wie umfangreich war sein Werk? Cicero wußte noch von zwei Mädchenfiguren "von außerordentlicher Anmut". Plinius listete eine ganze Reihe "weichlicher und mannhafter Knaben" auf. Waren sie alle polykletisch gewesen? Die Ausstellung sortiert eine Handvoll Stars aus dem verlorenen Personal des Bildhauers: Ein Hermes ist dabei und ein Herakles, eine Amazone macht mit, einer, der einen Diskus getragen ("Diskophoros"), und einer, der einen Speer gehalten haben soll ("Doryphoros"), und noch einer, der sich die Siegesschleife umbindet, der "Diadumenos". Daß es trotz ihrer Zerstörung mancherlei sinnliches Andenken an die ehernen Götter und Menschen gibt, verdanken sie ihren späthellenistischen und römischen Kopisten, die freilich an den bewunderten Vorlagen die eine und andere zeitbedingte oder handschriftliche Retusche vornahmen. Und nun ist aller Scharfsinn aufgerufen, aus den meist selbst zu Fragmenten zerbröselten Nachbildungen und Umdeutungen die polykletische Urgestalt zu rekonstruieren.

Nie zuvor war so viel Gelegenheit dazu wie jetzt in Frankfurt. Leihgaben aus den verstecktesten Sammlungen tragen zum 200-Teile-Puzzle bei. Wer kennt schon die Antiken, die der Viscount Coke in Holkham Hall oder Wells-Next-The-Sea thesauriert? Nur aus Polyklets Heimat war nichts zu bekommen. Solange die "Elgin-Marbles", der Skulpturenschmuck vom Parthenon, nicht wieder aus ihrem Londoner Exil zurück seien, dürfe kein Splitter Griechenland verlassen, heißt es. Und doch sind wir so reich umgeben von marmornen Haarbüscheln, Kopfstücken, Köpfen, Torsetti, Torsi, Büsten, Statuetten und Statuen, daß sogleich der verborgene Restaurator in uns erwacht.

Ist die linke Schulter des Bostoner Doryphoros nicht vielleicht doch ein wenig zu steil geraten? Und die fehlende Hand am fehlenden Arm des tunesischen Diadumenos? Wie wird sie das eine Ende der Siegerbinde gehalten haben? Ganz locker gewiß, entspannt und sehr elegant. Aber das Büschelmotiv am Unterleibsfragment aus Benevent, das weicht dann doch entschieden von der diskophorischen Schamhaarregel ab! Und schon wagen wir uns an komplexere Forschungsvorhaben. Wie mag es unterhalb der von dicken Leistenwülsten gesäumten Bauchplatte ausgesehen haben? Unseren Berechnungen nach kann die päpstliche Sittenpolizei nicht viel zum Abschlagen vorgefunden haben. Zum Glück gibt es weniger beunruhigende Perspektiven, aus denen sich der steinerne Rumpf noch immer mit wohlgefälligen Augen abtasten läßt. So preist der einfühlende Polyklet-Forscher die "klar gegliederte" Verso-Ansicht des lädierten Diskusträgers: Das s-förmig geschwungene Rückgrat ziehe sich als spürbare Furche vom Hals bis zu den Glutäen, und wir können verstehen, daß dem animierten Beschrieb angesichts so untadeliger Hinterbacken gar nichts anderes übrigbleibt, als in die lingua franca auszuweichen.