Der sächsische Sexualberater Dr. sc. Siegfried Schnabl ist Leiter der Ehe- und Sexualberatungsstelle Chemnitz und Autor des Buches "Mann und Frau intim", das jetzt schon in der 18. Auflage erscheint. In einem Interview mit dem Ostberliner Morgen vertrat er kurzlich die beruhigende Auffassung, daß Leibeslust über jegliche Weltanschauung obsiege.

Schon häufig, so berichtet er, hatten ihn Journalisten gefragt, ob denn die Wende auch die Sexualität der ehemaligen DDR-Bürger tangiere und wie sich diese dann wohl in der Bundespaarung entwickeln würde. Vergleichende Recherchen, so kann der Wissenschaftler vermelden, hatten glücklicherweise ergeben, daß sich Ost- und West-Sex nicht voneinander unterscheiden. "Unsere Schlafzimmer gehörten schließlich zu den wenigen Reservaten, wo man alles denken, sagen und tun konnte, was man mit dem Partner wollte."

Auf die beherzte Frage des Interviewers, ob denn immer alles "glatt" gegangen sei, mußte Dr. Schnabl allerdings an einige Ideologen erinnern, die den Sex mit westlicher Dekadenz assoziiert und gefürchtet hatten, er könne die Leistungen für den Aufbau des Sozialismus mindern.

Einige größere Untersuchung über das Intimverhalten der DDR-Bürger und -Burgerinnen sei 1970 gar auf Geheiß der Zentralverwaltung für Statistik abgebrochen worden, weil man fürchtete, sie verletze die Würde der werktätigen Menschen.

Doch man wußte sich auch zu helfen: Um Druckgenehmigungen für die einschlägigen Bücher zu bekommen, hatte es oft schon genügt, ein paar "rote" Farbtupfer zu setzen, erzahlt der Sexualberater. "Manchmal war man mit ein paar Zitaten von Marx, Engels oder wenigstens Bebel zufrieden." Aus der Feder der Genannten stammten schließlich einige sehr realistische Aussagen zur Sexualität. Sie hatten die körperliche Liebe durchaus als wichtig erkannt und sie nicht verteufelt.

In den letzten fünfzehn Jahren sei dank der beharrlichen Aktivitäten der Sexologen eine Liberalisierung erreicht worden. Die Fachkollegen aus den sozialistischen Bruderländern seien sogar ein bißchen neidisch gewesen auf die Spitzenposition der DDR in Sachen Sex.

Dr. Schnabl gibt allerdings auch zu bedenken, mit Fernsehsendungen wie "Erotisches zur Nacht" habe die Partei- und Staatsführung wohl den Frust auf anderen Gebieten kompensieren wollen. Immerhin: In jedem Falle helfe diese Entwicklung auch, das neue breite Spektrum der Sexangebote von vollbusigen Titelseiten bis zu harten Pornos leichter zu verdauen. "Aller wissenschaftlichen Erfahrung nach nimmt davon der freiwillige Konsument kaum Schaden an Leib und Seele. Die Neugier weicht bald der Übersättigung." Im "Durchschnittsbett" der ehemaligen DDR-Bürger werde sich kaum viel ändern. Inge Ahrens