Im Orient", sagte am Vorabend des Ersten Weltkrieges Marschall Lyautey, Frankreichs impenaler Prokonsul, der einst Marokko der Tncolore unterwarf, "gibt es einen Trommler, und wenn er seine Trommel rührt, so hört man seinen Schlag vom Atlas bis zum Hindukusch, und alle Volker fallen m den Tritt "

Wieder wird m diesen Wochen die Kriegstrommel gerührt "Von Allah auserwahlt, auf daß wir die Fuhrung der muslimischen Gemeinschaft übernehmen", rief der irakische Diktator Saddam Hussein die "Muslime der Welt" zum Dschihad auf, dem Heiligen Krieg Die Truppen des "Satans USA" stehen in Saudi Arabien, dem Land der islamischen Heiligtümer Vorwand genug für den Beutekrieger, mit seinem Überfall auf Kuwait m die selbstgestellte Falle getappt, einen privaten Befreiungsschlag zu einem vermeintlich Heiligen Krieg zu erklaren "Kämpft gegen diejenigen, derer sich Satan vom Scheitel bis zur Sohle bemächtigt hat, kämpft gnadenlos gegen die Ungläubigen, die das Heilige Land mit ihrer Gegenwart entweihen "

Wochenlang war es ein nur Medienkneg Hussein eröffnete das Feuer Kolonialisten, Imperialisten, Ziomsten, Ausbeuter, satanische Machte, heuchlerische Christen, unreine Juden, Heidenpack Der Westen schoß zurück Irrer von Bagdad, Hitler vom Tigris, Stalin von Mesopotamien, Dschmgis Khan, Drakula Nach den blutigen Ereignissen am Jerusalemer Tempelberg, wo 22 Palästinenser von israelischen Soldaten erschossen wurden, konnte die Propagandaschlacht m blutigen Ernst umschlagen Der Heilige Krieg des Saddam Hussein hat seine Märtyrer "Die große Schlacht hat begonnen zwischen den muslimischen Volkern und den Feinden Allahs 1" sendet Radio Bagdad m die Wüste hinaus, da feiert in Jordanien, dem irakischen Nachbarstaat, die Bevölkerung, zu mehr als die Hälfte Palästinenser, schon die Erhebung des "Seif as Sahara", des Schwerts der Sahara Jordanische Moslembruder organisieren m den Städten und Dorfern "Sammelstellen für Heilige Krieger", selbst arabische Großmutter riefen nach der Kalaschnikow, der beliebten Waffe aller muslimischen Glaubenskampfer zwischen Kairo urid Kabul Am Westufer des Jordan, in den von Israel besetzten Gebieten und im Gazastreifen, wehen die irakischen Banner neben der palästinensischen Fahne Die Konterfeis des düsteren "Trommlers" vom Zweistromland hangen überall neben den Bildern des zuversichtlich lachenden PLO Chefs Jassir Arafat Vielerorts heißen Neugeborene nun "die Walze", wie der Name Saddam auf Deutsch bedeutet Nicht nur Arafat, auch linke Palastmenserfuhrer wie Habasch und Hawatmeh huldigen dem irakischen Tyrannen als "Antumpenalist" und "Bollwerk gegen den Zionismus"

Auch im Jemen fand der Appell an das arabische Gemeinschaftsgefühl Gehör "Tod für Amerika, hoch der Löwe Arabiens aufgebrachte Menschenmenge m Sana, der Hauptstadt des im Zeichen der orientalischen Perestrojka wiedervereinigten Landes In Mauretanien, am westlichen Rande der arabischen Welt, melden sich Zehntausende zu einer Freiwilligenarmee für Saddam Für den Diktator marschieren auch die Demonstranten m algerischen Straßen Nur m Tunesien sind alle proirakischen Kundgebungen verboten Sie konnten, so furchtet die Regierung, außer Kontrolle geraten 1" schrie die Verhältnismäßig ruhig blieb es bisher allein in Ägypten, Syrien und Marokko. Und freilich in den kleinen Emiraten am Golf, den potentiellen Leidensgenossen des kuwaitischen Scheichtums. Dafür loderte das Feuer des Heiligen Krieges schon über die arabische Grenze hinaus. In Karatschi, der größten Stadt Pakistans, verbrannte das Fußvolk der fundamentalistischen Partei "Jamaat e islami" (Islamische Versammlung) Sternenbanner. Die den Fundamentalisten nahestehende pakistanische Zeitung Amn fordert die Regierung auf, die pakistanische Brigade von mehreren tausend Mann aus dem saudischen Königreich schleunigst nach Hause zurückzubeordern. Der "gottlose Frevler Hosni Mubarak", Präsident der Ägypter, so die Begründung für die Abzugsforderung, habe auf amerikanisches Verlangen fünfzigtausend muslimische Frauen aus Kairo und Alexandria als Geschenk für US Soldaten nach Arabien geschickt.

In frommer Phantasie wollten die iranischen Falken nicht hinter ihrem pakistanischen Nachbarn zurückbleiben "Oh Muslime, wo bleibt Eure Ehre?" schreibt Kayhan, die einflußreichste Zeitung der islamischen Republik "Heute flanieren schmierige amerikanische Soldaten betrunken und mit dicken Zigarren im Mund in den heiligen Stätten Mekka und Medina und belästigen die muslimischen Frauen Selbstbewußt erinnert das iranische Blatt an den mißglückten Versuch der Befreiung amerikanischer Geiseln aus den Händen der Revolutionswächter "Der amerikanische Teufel hat vergessen, daß seit dem seligen Imam der Golf kein Vietnam, Grenada oder Panama ist " Während der iranische Staatspräsident Rafsandschani und sein gemäßigtes Gefolge mehrfach den irakischen Überfall in Kuwait verurteilten, gab der geistige Führer der islamischen Republik und Schirmherr der iranischen Fundamentalisten, Said Ali Chamenei, dem Dschihad seines einstigen Blutfeindes Saddam den schiitischen Segen. Seit die "US Teufel" auf arabischem Boden ihre Zelte aufgeschlagen haben, scheint der Orient über Staatsgrenzen und konfessionelle Feindschaften hinweg im Zeichen des Heiligen Krieges gegen die ungläubigen "Faranghi" zu stehen, die Franken, wie die Amerikaner und Europäer in Erinnerung an die Kreuzritter im Heiligen Land genannt werden. Saddams vorderasiatischer Beutezug ist damit auf dem besten Weg, zu einer weltpolitischen Tragödie zu werden. Kaum ist der OstWest Konflikt beigelegt, bietet der islamische Fundamentalismus sich als Ideologie an, welche die Welt erneut tief spalten kann.

Dreimal hat sich das dunkle Wort vom Trommler seit dem Tod des französischen Marschalls Lyautey vor nun mehr als einem halben Jahrhundert als hellsichtige Weissagung bewahrheitet: Ende der vierziger Jahre rührte Mohammed Mossaddegh, ein betagter persischer Aristokrat, die Trommel gegen die britische Weltmacht. Mossaddegh, 1950 gegen den Willen von Schah Reza Pahlevi und unter dem Druck der Straße vom iranischen Parlament zum Ministerpräsidenten gewählt, verstaatlichte als erster Politiker der Region die persischen Ölquellen, die sich bis dahin in den Händen von British Petrol (BP) befanden. Die Enteignung der mächtigen Briten wurde in etlichen Hauptstädten des Mittleren und Nahen Ostens von der Bevölkerung begeistert gefeiert. Zwei Jahre später stürzte das persische Militär, vom CIA gestützt, den unbotmäßigen Mossaddegh. Bald aber folgten die anderen Ölstaaten am Golf nach und nach seinem Beispiel.

Der Held der fünfziger und sechziger Jahre hieß Gamal Abdel Nasser. Mit der Nationalisierung des Sueskanals 1956 löste der charismatische ägyptische Präsident eine unvergleichbare nationale Begeisterung in der arabischen Welt aus. Der Nasserismus wurde zum Symbol für arabischen Stolz und arabische Ehre.