Saddam verkauft sich nicht schlecht", erklärt der junge Bengale, der im Zentrum Dhakas, der Hauptstadt von Bangladesch, einen Stapel druckfrischer Plakate mit dem väterlich lächelnden Konterfei des irakischen Diktators auf dem staubigen Trottoir ausgebreitet hat. Seit Saddam Hussein Kuwait annektiert hat, findet er auch bei der viertgrößten moslemischen Nation der Welt zunehmend Bewunderer. "Wir mögen keine Monarchen", begründet das der Verkäufer. "Und wir wollen Gerechtigkeit für die Palästinenser."

Ebenso leidenschaftlich wie der Saddam-Sympathisant die Israelis und die Amerikaner verflucht, klagt er über die eigene Regierung. Alles werde immer teurer, schimpft er. Die Tarife der Busse wurden gerade um hundert Prozent erhöht, ebenso die der Flußschiffe und die Preise für Benzin. Daß die Ursache für die Teuerungswelle just die irakische Annexion Kuwaits ist, will er allerdings nicht wahrhaben.

Bangladesch gehört zu den Ländern in der Dritten Welt, deren ohnehin schon miserablen wirtschaftlichen Perspektiven durch die Ölpreisexplosion vollkommen hoffnungslos erscheinen. Das Land verfügt über wenig eigenes Öl und ist hochgradig von westlicher Entwicklungshilfe abhängig. Die katastrophalen Überschwemmungen der Jahre 1987 und 1988 haben die Pläne zur Industrialisierung und Intensivierung der Landwirtschaft durchkreuzt. Das bescheidene Wachstum, das seither zu verzeichnen ist, wird durch die Zunahme der Bevölkerung wieder aufgefressen. Jede Minute werden fünf Bangladescher geboren. Auf einer Fläche, die der doppelten Bayerns entspricht, drängen sich bereits 114 Millionen Menschen. Trotz eines relativ erfolgreichen Familienplanungsprogramms wird die Bevölkerung noch auf weit über 200 Millionen anwachsen.

Japanische Diplomaten in Dhaka haben kalkuliert, daß der Schaden, den Bangladesch durch die Invasion Kuwaits erlitten hat, sich bereits auf 1,5 Milliarden US-Dollar beläuft. Nicht nur der Ölpreis bedrückt das Armenhaus des indischen Subkontinents, sondern auch die Rückkehr der eigenen Gastarbeiter aus Kuwait. 70 000 Bangladescher hatten dort für ihre Verhältnisse fürstliche Löhne kassiert, jetzt verstärken sie das Heer der Unterbeschäftigten und Arbeitslosen.

Die Unzufriedenheit wächst schnell; seit Mitte Oktober erschüttert eine Serie von Generalstreiks das Land. Mindestens ein Dutzend Menschen wurde bei Demonstrationen gegen die Regierung des Präsidenten Ershad, der 1982 die Macht an sich riß, von der Polizei oder der Armee erschossen. In erster Linie sind es die Studenten in Dhaka und anderen Städten, die demokratische Wahlen fordern, doch die Bewegung beginnt sich auszuweiten. Die Tochter des 1975 ermordeten Staatsgründers Mujibur Rahman und die Witwe des 1981 ermordeten Präsidenten Zia führen die Opposition an. Die beiden Frauen, die eher einen persönlichen Rachefeldzug führen, als ein politisches Konzept umsetzen, geißeln die galoppierenden Preise, die sie der Korruption und Raffgier des Regimes zuschreiben. "Die Dämme gegen die Korruption sind gebrochen, seit der Ershad-Clan sich selbst maßlos zu bereichern begann", bestätigt ein hoher Regierungsbeamter. Nicht nur bei privaten Investitionen, auch bei Entwicklungshilfeprojekten sind zehn Prozent Bakschisch noch recht bescheiden.

Weil Präsident Ershad das Land von westlicher Entwicklungshilfe abhängig gemacht hat, wird die Regierung allerdings den amerikanischen Kurs gegen Saddam Hussein weiterhin rückhaltlos unterstützen. 5000 Soldaten wurden bereits nach Saudi-Arabien geschickt. Und diejenigen, erläutert jener Regierungsbeamte, die Propaganda für Saddam machen, seien vor allem die von Libyen, Irak oder dem Iran finanzierten Fundamentalisten. Neben dem übermächtigen Nachbarn Indien wäre es auch geradezu selbstmörderisch, wenn die Regierung von Bangladesch die Annexion eines kleinen Landes begrüßen würde.

Michael Sontheimer