Von Willi Germund

Zitternd, in Hausschuhen und einer hastig übergeworfenen Strickjacke, steht Amanda Batista neben der Pforte der Städtischen Poliklinik von Medellín. Die Frau, Mutter von drei Söhnen und vier Töchtern, kämpft mit den Tränen; gegen die Brust preßt sie ein Kleiderbündel – die zusammengerollten Jeans und ein paar blutverschmierte knöchelhohe Tennisschuhe ihres siebzehnjährigen Sohnes Ricardo. Ricardo ist tot, getroffen von einem Schuß aus einer Changön, einer selbstgebauten Schrotflinte, deren grobe Munition die Opfer förmlich zerfetzt. Samstag nacht in der kolumbianischen Stadt Medellín: Achtundvierzig Menschen, so wird später der Polizeibericht melden, sterben in dieser Nacht in der Hochburg der Kokainkartelle.

Amanda Batista wartet an einem Nebeneingang. Hier bringen Krankenhausangestellte die Toten wieder heraus. Hier drängen sich auch die Verwandten von anderen Opfern, um einen letzten Blick auf die Toten zu werfen. Die Krankenhausangestellten kippen die Leichen ohne große Umstände von der Bahre auf die Ladefläche eines Lieferwagens, der zum anfiteatro, dem Leichenschauhaus, fährt. Die Zeit drängt, es gibt viel Arbeit in der Klinik.

Ein Taxi rast hupend herbei. "Camilla!" – "Bahre!" – rufen die Männer der Defensa civil, Freiwillige, die ihre Freizeit am Wochenende mit Hilfsdiensten im Krankenhaus verbringen. Helfer heben den Verletzten vom Rücksitz des Taxis, sein Hemd ist blutverschmiert – eine Schußwunde direkt neben dem Nabel. Gleichwohl, ein Polizist, der die Klinik mit einem Sturmgewehr bewacht, bilanziert: "Bisher ist es relativ ruhig."

"In Medellín herrscht Krieg", beschreibt Alonso Salazar die Lage in der zwei Millionen Einwohner zählenden Stadt. Salazar ist Soziologe und beschäftigt sich mit dem Phänomen der Gewalt in seiner Heimatstadt. In Kolumbiens Hauptstadt Bogotá ist die Violentologie, die "Gewaltwissenschaft", schon als Nebenzweig etabliert. Von der "Kultur des Todes" spricht die katholische Kirche. Die 38jährige Marianella Montoya de Bellis aus dem Armenviertel Popular N 1 entlarvt die Vermutung als Mythos, daß für die Gewalt nur das Drogenkartell verantwortlich sei: "Hier kämpft jeder gegen jeden."

Nach einer Statistik des Schreckens werden in Medellín in jedem Jahr rund 4000 Menschen ermordet. Bis Mitte dieses Jahres waren es 2400, bei 11 439 Mordopfern in ganz Kolumbien. Medellíns Tageszeitung El Mundo veröffentlichte Zahlen, nach denen im letzten Jahr 3546 Menschen mit Schußwaffen, 469 mit Stichwaffen ermordet wurden.

Auf knapp 300 schätzen Experten allein die Zahl der Jugendbanden, denen insgesamt etwa 6000 Mitglieder zugerechnet werden. Daneben gibt es noch die sogenannte Autodefensa, die Selbstverteidigung, die in den Armenvierteln Medellíns versucht, Schutz vor kriminellen Gruppen zu organisieren und sich in ihren Methoden längst nicht mehr von den anderen Banden ("Combos") unterscheidet.