Von Ulrich Schiller

New Orleans, Boston, im Oktober

Harry sagt, er kenne David Duke noch aus dem Ku Klux Klan; er müsse ihm jetzt unbedingt im Wahlkampf hier in Louisiana helfen, obwohl er selbst in Texas lebe. Den Verdacht, da sei wohl eine Aktionsgemeinschaft von Neonazis am Werke, weist Harry entrüstet zurück. Überhaupt, was das denn heiße, Neonazi. Es sei doch ganz natürlich, an die Überlegenheit der weißen Rasse, an die Überlegenheit der Arier zu glauben. Mag sein, daß Harry im Saal der einzige Wirrkopf ist, der immer wieder von der Auschwitz-Lüge faselt. Er ist indessen nicht der einzige in Dukes Wahlhelfergarde, der dem Senatsbewerber das Nazi-Etikett abzustreifen versucht.

Der Saal mit Bühne gehört dem "Lion’s Club" zu Harahan. Eine knappe Autostunde von hier liegt New Orleans, wo schwarze Musiker einst den Jazz populär machten und wo sie noch heute für heiße Rhythmen sorgen. Aber im Vorort Harahan gibt’s offenbar keine Schwarzen, schon gar nicht sind sie auf einer Wahlkundgebung mit David Duke zu sehen. Die Leute, viel junges Volk darunter, sind Arbeiter, Kleinbürger, untere Mittelklasse. Die Männer tragen Baseballmützen und "David-Duke"-T-Shirts; Muskelpakete mit Tätowierungen quellen aus kurzen Ärmeln. Bei den Frauen setzt Blond bis Weißblond über grellem Make-up den Akzent. Und dann bricht der Orkan los. Aus tausend Kehlen klingt es dröhnend "Duke, Duke, Duke", und David schiebt sich triumphierend durch die Menge auf die Bühne.

David Duke ist hochgewachsen, hat kurzes, blondes Haar und ein jungenhaftes Gesicht. In diesem Jahr wurde er vierzig. Ältere Bilder zeigen ihn mit schwarzer Haartolle und – gewiß nicht ohne Absicht – auch mit schwarzem Schnauz unter der Nase. Ein Photo zeigt ihn mit Hakenkreuz auf dem Arm, ein anderes als den Grand Wizzard beim Ku Klux Klan. David wiegelt diese Phase heute als Jugendsünde ab, doch seine Tiraden gegen die Schwarzen haben sich nicht geändert. Er verschlüsselt sie nur, dürftig.

Die Leute verstehen ihn auf Anhieb. "Er ist der einzige, der ausspricht, was wir denken", sagt ein Mann vom Bau. 95 Dollar Steuern müsse er pro Woche zahlen. Wofür? "Damit die Schwarzen jedes Jahr ein uneheliches Kind in die Welt setzen können und noch Wohlfahrt bekommen." David Duke haut genau in diese Kerbe: "Gleichberechtigung für alle Amerikaner!" fordert er. Die Zuhörer verstehen, was das heißt: Schluß mit den Förderprogrammen für Schwarze und andere Minderheiten! Schluß mit der "umgekehrten Diskriminierung", der gelegentlichen Benachteiligung gleich oder höher qualifizierter weißer Bewerber für den ausgeschriebenen Job zugunsten eines Schwarzen. Mr. Toppers, ein Mann mit Schlips und Kragen, der etwas abseits steht, versichert, die Behörden wollten ihn immer wieder zwingen, in seinem Geschäft Schwarze einzustellen. Bisher habe er sich stets geweigert.

Vor dem Hintergrund solcher Stimmungen, die weder auf den amerikanischen Süden noch auf Duke-Anhänger beschränkt sind, wird verständlich, warum Präsident Bush es jetzt wagen konnte, das Bürgerrechtsgesetz 1990 mit einem Veto zu blockieren: Unter dem Beifall der Rechten hat er es als Gesetz einer Rückkehr zu "Quoten" (Beschäftigungs-, Ausbildungsquoten) abgekanzelt. Die protestierenden Minderheiten, Farbige genauso wie die Frauenbewegung, glaubt er weniger fürchten zu müssen als die weiße Mittelklasse. Sie ist seit Ronald Reagan rücksichtsloser auf die Wahrung ihrer Interessen bedacht.