DerAufbauderdeutschenMedienkonzerne

Milliardengekungel ja, aber Macht? Wahrscheinlich weil sie Wirtschaftsfachleute sind, faszinieren die Autoren Managementstrukturen, Einflußsphären, Wachstumspotentiale und Nachfolgeprobleme so sehr, daß sie der vierten Kraft im demokratischen Staat und ihren Topleuten eine Macht zuschreiben, die schon der Standardfilm "Citizen Kane" zur Legende und fragwürdig macht. Da wird beispielsweise Axel Springers missionarische Passion, die deutsche Wiedervereinigung publizistisch herbeizuführen (angeblich zu Chruschtschow: "Ich werde, ob Sie es wollen oder nicht") ausfuhrlich gewürdigt. Springer nimmt hohe Verluste an Talenten und Geld in Kauf, um zu diesem Zweck seinen glänzend geführten Verlag in eine Art deutsche Ordensburg zu verwandeln. Nun steht das Brandenburger Tor offen. Dank der Macht des verstorbenen Axel Springer oder eines von wem immer geschichtlich ermächtigten Herrn Gorbatschow. Immerhin: Für den Verlag berge das Berlin-Investment jetzt in der geöffneten DDR "hohe Windfall-Profits, Pioniergewinne, die er aus seinerzeit höchst riskanten Ausgaben ziehen kann". Das war’s also? Satt und nur noch selten bissig

Sie alle waren anfänglich Fisch und Fischer zugleich, die Augstein, Bucerius, Springer, Mohn, Burda und Bauer. Wohl nur Zeiten großer Umbrüche ermöglichen solche Metamorphosen, daß kleine Angler sich in millionenschwere Hechte verwandeln – und das zumeist, ohne es damals zu ahnen. 1945 war alle Medienmacht flachgebombt. Nach Pressegold zu schürfen hing von Wohlwollen und Lizenzen zumeist unerfahrener, junger Besatzungsoffiziere ab. Traditionell ergiebige Minen waren nazistisch verseucht. So kam es, daß junge deutsche Bewerber entweder mal eben so in die mächtige Branche hineingerochen hatten oder kleinen Druckunternehmen entstammten oder einfach nur begabte Glückskinder waren wie Augstein, der als 24jahriger den Spiegel aufs Auge gedrückt bekam. Im westdeutschen Presseteich, denn mit Druck und Papier begannen die großen Karrieren, wimmelte damals noch reichlich Beute. Wer zubeißen, kräftig schlucken und schlau augen konnte, bevölkert heute als legendärer Hecht das ruhig gewordene Gewässer der Multimillionäre oder gar Milliardare des Medienwesens.

Zwei fleißige Wirtschaftsjournalisten haben nun den Aufbau der bedeutenden deutschen Medienkonzerne beschrieben. Wie ihre Brotgeber, die ihren Champagner nach einem keck-blauäugigen Journalistenwort aus den Hirnschalen ihrer intellektuellen Mitarbeiter schlurfen, zu ihren Millionen kamen und einflußreiche Magnaten wurden, wird ausführlich und auch organographisch dokumentiert, die Schlüsselfiguren auch – zu flach freilich – portraitiert. Der ökonomisch brutale Verdrängungswettbewerb, zuerst auf nationaler, dann auch internationaler Bühne, wird analysiert, soweit Eigenrecherchen und Archivunterlagen es zulassen, ins Dunkel einer "im europäischen Maßstab einzigartigen Macht weniger Familien, die bis heute fortbesteht", vorzudringen. So der Waschzettel des Buches.

Von Jochen Steinmayr

Der im Buch zitierte Erich Kuby schreibt Rudolf Augstein "unbändigen Machttrieb" als Motor der Karriere zu. "Nun ist Augstein der mit Abstand begabteste Journalist unter den deutschen Tycoons." Er verfüge über einen Instinkt, "der nicht gleichgesetzt werden kann mit sozial festzumachendem Ehrgeiz". Es muß wohl beim Trieb geblieben sein, denn sozial festzumachen ist nur, daß Augstein sich heute für dumm hält, seinen Mitarbeitern nicht nur Gewinnbeteiligung, sondern auch Mitbestimmung in dem Maße gewährt zu haben, daß sie ihn geschäftlich überstimmen können. Macht?

Geschäftlich übrigens ließ sich Augstein geradezu väterlich von Senior John Jahr beraten (Gruner + Jahr), der zeitweilig Spiegel- Anteile hielt. Daß die Mächtigen auf Erden oft auch nichts als Schlauberger sein können, beweist eine Passage von Augsteins Rede zu Jahrs 80. Geburtstag: "Auf der Bahnhofstraße in Zürich hast Du mir bei Bucherer meine erste goldene Uhr geschenkt, nach langem Handeln und mit fünfzehn Prozent Rabatt, versteht sich. Es machte mir wenig, daß diese später in unseren Geschäftsbüchern auftauchte: Fünfzig Prozent hatte ich mir selber geschenkt. Seitdem bewundere ich Dich."