Von Eckhard Roelcke

An der Quelle ist es ganz ruhig. Kein Plätschern und kein Gurgeln ist da zu hören, sondern nur das sanfte Rauschen des abfließenden Wassers. Im Park des Fürsten zu Fürstenberg, gleich neben seinem Schloß, wird Wasser durch das Erdreich nach oben in einen Brunnen gedrückt. Die Donauquelle. Ab und zu bilden sich auf dem Wasser, wenn die Oberflächenspannung platzt, kleine Wellen, die immer größer und flacher werden. Und dann ist nichts gewesen.

Ganz anders aber in der "Stadt". Donaueschingen alljährlich im Oktober – ein ganzes Wochenende lang ein einziges Begrüßungs- und Verabschiedungsritual. Es freuen sich mit Alle-Jahrewieder-Herzlichkeit: Hoteliers, Musiker und Komponisten, Verleger, Konzertagenten und Journalisten. Freunde und Geschäftsleute schütteln sich die Hände, Lobbyisten und Konkurrenten.

Nicht Reflexion ist in der Schwarzwald-Provinz angesagt, sondern Kommunikation. In Donaueschingen ist "man" nicht nur wegen der Uraufführungen – hier werden auch Geschäfte gemacht, hier wird informiert und getratscht. Warum auch nicht? Die Fachleute in Sachen Neue Musik sind unter sich und spekulieren etwa, wer wohl der Nachfolger von Josef Häusler wird, der als verantwortlicher Redakteur beim Südwestfunk die Musiktage ganz entscheidend geprägt hat.

Sechs "Strukturen" sind die Konstruktionsgrundlage der "Komposition 3 für Orchester" von Jörg Herchet, die streng miteinander kombiniert werden. Was aber auf dem Papier stringent geplant und durchgearbeitet ist, ist klanglich praktisch nicht wiederzuerkennen. Im ersten der drei Sätze werden die Strukturen exponiert, aber so vertikal flächig und horizontal gedehnt, daß sie nicht wahrzunehmen sind. Auch die Instrumentation bietet wenig Anhaltspunkte, an denen man sich orientieren könnte.

Im zweiten Satz werden die Strukturen seziert. Unvermittelt, nach all den Klangakkumulationen, bleibt plötzlich eine Oboe übrig. Mehr als zweieinhalb Minuten dauert dieses expressive Solo, und mit dieser Reduktion wird das Werk zum erstenmal sinnlich, persönlich jenseits der Konstruktion: Der Oboist erzeugt durch spezielle Grifftechniken Flageolett-Töne, die zusätzlich zum Grundton klingen: Der nicht-strukturelle Mehrklang ergänzt die abstrakten Strukturen.

Die sind aber dennoch nicht "erledigt": Wenn sich dann am Ende des Werkes nach einem monströsen Cluster eine Pianissimo-Klangfläche ausbreitet, dann sind zwar – endlich, möchte man sagen – die einengenden Strukturen überwunden. Aber das ist nicht die Intention des Komponisten. Er hofft (im Programmheft), "daß sich der Hörer am Schluß, während er real die Geräuschebene (kaum) vernimmt, der zuvor dargestellten Beziehungsmöglichkeiten erinnert". Das allerdings w.ird nur demjenigen möglich sein, der sich jahrelang mit diesem Stück beschäftigt hat. Jörg Herchet hat fast zehn Jahre an diesen Strukturen gearbeitet.