Restmensch der Neuzeit – Seite 1

Misanthrop ist der merkwürdige Ex-Journalist nicht, der uns da in seine – und nicht nur seine – Geschichte hineinzieht, nur "phobanthrop". Eine verstolperte Karriere und eine nicht so recht abgeschlossene Psychotherapie hat er hinter und seinen gefürchteten vierzigsten Geburtstag unmittelbar vor sich, hoch droben in den Alpen, wohin er sich so weit wie möglich vor den Menschen zurückgezogen hat: Gepeinigt von Ärzten und von der Aussicht auf die selbst sein Gebirge erobernde Autobahn beschließt er, sich ein Ende zu machen, spurlos und sauber zu verschwinden im Innern einer Höhenfelshöhle für immer.

Allein, "85 Kilogramm lebende Substanz gehorchten nicht", und als der an seiner "Schlußlösung" Scheiternde an die Alm-Oberfläche zurückkriecht, hat sich nach einem seltsamen Nachtgewitter draußen alles verändert. Zwar blühen die Blumen wie gehabt, paaren sich die Katzen, blinken die Ampeln im Tal und surren die Kühlschränke, aber die Spezies Mensch ist, wie der "Übriggebliebene" in den folgenden Tagen feststellen muß, offenbar durch "Verdunstung, Zerstäubung" vom gesamten Erdball entwichen. Statt des Selbstmörders hat sich – ein Aberwitz, mit dem er nun zu leben beginnt – die Menschheit davongemacht.

Diese für mancherlei Genres offene Exposition nutzt Guido Morselli, dessen Romane überwiegend "Alternativ-Realitäten" entwerfen, zu einer mit Rückblenden sparsamen, somit dialogarmen und zugleich überaus spannenden Geschichte. Nüchtern, ja wissenschaftlich kühl richtet sich sein Chronist des Ungeheuerlichen, der alles ander: als ein Held ist, auf dem Friedhof der Neuzeit ein. Die Vergangenheit bedeutet ihm wenig, die Gegenwart wird – "ich bin, also denke ich" – sorgfältig, doch scheinbar ohne Leidenschaft registriert. Doch ohne Hoffnung lebt auch der gerettete (oder verurteilte) Restmensch nicht: Er beschießt, zwischen den "akustisch-visuellen Relikten" der technischen Ära, die automatisch weiterfunktionierend auch sein Fortleben garantieren, und der langsam geraubten Flächen wiedererobernden Tierwelt abzubauen.

Mit zunehmender Dauer des gänzlich von Menschen gereinigte Alleinseins registriert der Überlebende allerdings eine wachsende Angst, die ihn zwingt, seine Wohnung aufzugeben und ruhelos in den ebenso offenen wie verlassenen menschlichen Gehäusen umherzuziehen. Aber auch dieses Gefühl, das "Übel der diskursiven Vernunft, das den Engeln und Tieren fremd ist", hat er einst mit seinem "einzigem Freund", dem Therapeuten, zu erörtern gelernt – und somit zunächst, da ihm nichts als die Zwiesprache mit sich selber bleibt, hierfür die analytische Waffe des philosophischpsychologischem Blicks. Die erzwungene Vereinsamung wird dem "Robinson" alsbald jedoch zum panisch erlebten "nichtklinischen Tod". Sie mündet in die herbeihalluzinierte Stimme des Therapeuten und damit in die paradoxe Hoffnung auf Nähe.

Eine Selbstanalyse im Gewande der kollektiven "fiction"? Die rückhaltlose Introspektion eines Autors, der seine Figur zum Schein mit kühlem Desinteresse an sich selbst ausstattet? Die Biographie Morsellis legt die Hypothese geradezu spekulativ nahe: Im Alter von sechzig Jahren hat sich der Schriftsteller, der keinen seiner sechs Romane bei einem Verleger unterbringen konnte, mit deutlichem Hinweis auf diesen "Liebesentzug" 1973 in Varese erschossen. Die italienische Öffentlichkeit reagierte prompt: In rascher Folge erschienen seine Bücher, und auch in Deutschland sind mittlerweile vier Romane vorrätig. Und doch verengt der Verweis auf die persönlichen Umstände diese große, seltsame, faszinierende Geschichte, auch wenn das Individuum nirgends so um den Tod kreist wie in diesem Roman, nirgends so irrwitzig beweisführend die Rede ist von dem verwunderlichen Menschenwunsch zu leben. Werner Zeller

  • Guido Morselli:

Dissipatio humani generis oder

Restmensch der Neuzeit – Seite 2

Die Einsamkeit

Roman; aus dem Italienischen von Ragni Maria Gschwend; Insel Verlag, Frankfurt am Main 1990; 153 S., 26,– DM