Waßmannsdorf

Jetzt sind sie reif, die Äpfel! Im Schatten des verfallenden Mauerstreifens leuchtet und duftet die Apfelplantage Waßmannsdorf/Diepensee. Die Früchte hängen schwer. Gut fünfzig Hektar Land mit annähernd 48 000 Apfelbäumen bringen eine durchschnittliche Jahresernte von 600 Tonnen Äpfeln.

Das Obstanbaugebiet bei Berlin und die 1983 gegründete Mosterei bangen ums Überleben, denn zum Niedergang haben sie zuviel, zum Glauben in die Fortführung zuwenig. Zur Zeit liegen 150 000 Flaschen Apfelsaft auf Halde, die Lager-Kapazitäten werden eng, und an den Obstbäumen wartet ein Teil der Ernte noch aufs Einholen. Wie immer helfen die sowjetischen Freunde – der frische Wind tut sein übriges. Die unzähligen zu Boden geschlagenen Äpfel machen das Begehen des Obstgartens zu einer halsbrecherischen Angelegenheit.

In der Mosterei arbeiten 25 Leute. Sechs von ihnen sind für das Ein- und Auspacken zuständig, zwei sind Heizer, alles geht von Hand. Abwanderungen nach Berlin gab es zu Nordgetränke und in die Schokoladenfabrik, aber manch einer ist zurückgekehrt. Der 35jährige Produktionsleiter hätte auch in Berlin arbeiten können, für 3500 Mark im Monat. Er ist geblieben, verdient heute 2000 Mark und meint dabei: "Die Mosterei an sich hat Zukunft." Engpässe zur Herstellung des Saftes werden mit der "Lohnmosterei" ausgebügelt. In "Moppelfahrten" liefern hier private Gärtner ihr Obst ab, macht bei hundert Kilo Äpfeln genau achtzig Flaschen frischen Apfelsaft, ungezuckert, keine chemischen Konservierungsstoffe. "Unser Saft schmeckt jede Woche anders", freut sich ein Mitarbeiter.

In den vergangenen Jahren sind die Menschen aus dem ganzen Kreis Königs Wusterhausen und Zossen gekommen, aus Rotberg, Bestensee und Ludwigsfelde und haben bis zu vier Stunden Wartezeit in Kauf genommen. Heute finden sie sich Heckerweise ein, dafür fährt der Laubenpieper aus dem Westteil der Stadt an. "Die sind viel bewußter", meint der Verkäufer, "die tauschen nur naturtrüb."

Im Lokalblättchen für die südlichen Bezirke Berlins ist auch schon eine Anzeige geschaltet worden. Leider fehlten die Öffnungszeiten. In der Mosterei kostet die 0,7-Liter-Euro-Flasche 1,12 Mark mit Pfand, im Handel legt man 1,49 Mark dafür hin. Nun ist das frühere Sero-System (Abkürzung für "Sekundär-Rohstofferfassung") dahin, und so liegt auch in diesem Betrieb das Problem bei der Flasche, ironischerweise. Zwar gibt es weit und breit Flaschen genug, nur zurück kommen sie nicht mehr, denn die Sammelstellen, die 20 Pfennig pro Altflasche zahlten, sind verschwunden und damit der Anreiz. Die sanierungsbedürftige Flaschenabfüllanlage bleibt ohne Nachschub.

Während James Greeve, Goldparmäne, der Gelbe Köstliche, Spartan und Breuhan durch die Waschanlage poltern, meint der zuständige Fachdirektor: "So läuft das nicht mehr." Aber funkelnagelneu ist die Apfelpresse, ein Import aus Bayern. Der Separator ist repariert worden, Kostenpunkt 4000 Mark.