Tanzt unentschuldbar aus der Reihe der westlichen Nationen, wer sich darum bemüht, die eigenen Staatsangehörigen aus den Fängen des irakischen Diktators Saddam Hussein zu befreien? Natürlich nicht. Jeder Staat hat eine Schutzpflicht für seine Bürger. Er kann sie in diplomatischen Kontakten wahrzunehmen versuchen oder sich dazu privater Unterhändler bedienen. Aber er darf sich nicht darum drücken – schon gar nicht in einer Lage, wo die Geiseln alsbald in Kampfhandlungen zu Schaden kommen könnten.

Deswegen: keine Kritik an all den vielen Unterhändlern, amtlich befugt oder nicht. Sie reichen von Waldheim (95 befreite Geiseln) bis Jesse Jackson (6), von Brasiliens Botschafter in London (256) bis zu Edward Heath (33), von der Ex-Volkskammerabgeordneten Kögler (4) und den Europa-Abgeordneten Schinzel und Schmidt (8), von der spanischen Kommunistin Almeida (15) bis zu dem britischen Popsänger Cat Stevens (4). Sie alle haben sich um die Menschlichkeit verdient gemacht.

"Extratouren" waren ihre humanitären Missionen nicht. Auch eine Mission Willy Brandts wäre keine Extratour. Nicht einmal ein amtlicher Versuch wäre es – immer vorausgesetzt, daß die Embargo-Front gegen Bagdad nicht durchbrochen wird und der Diktator kein Entgegenkommen erfährt. Bonn ist spät aufgewacht in der Geiselfrage. Es sollte nicht durch falsche Skrupel noch mehr Zeit verlieren. Die Staatskunst darf sich nicht einfach in Herzlosigkeit erschöpfen. Th.S.