Gerade haben sie ihr neues Bonner "Landeshaus" eingeweiht – ein postmodernes Juwel von der schnörkellosen und kantigen Art, für 28 Millionen samt Einrichtung, zudem in bester Lage mitten im Parlamentsviertel, ein Labsal in der Wüste der Bonner Lego-Architektur. Die Rheinland-Pfälzer können sich sehen lassen. Aber noch sind die Gefühle ein bißchen zwiespältig. Zwar seien die Stimmen, die Finger doch besser vom Neubau zu lassen, wieder verstummt, sagt Ministerpräsident Carl-Ludwig Wagner. Doch was mit Berlin werde, das wisse man eben noch nicht; wohl habe man sich zu Bonn bekannt, aber wenn es in Berlin ein schönes Grundstück gebe, warum denn nicht, schließlich könne man es ja auch wieder verkaufen. Hermann Hill, sein Bonner Bevollmächtigter und Minister für Bundesangelegenheiten, nickt.

Zwischen Pfälzer Zwiebelsuppe und Blätterteigbirne erfährt eine Journalistenschar in der neuen Landesvertretung, was den Mainzer Regierungschef beschäftigt. Tatsächlich ist von Rheinland-Pfalz die Rede, aber auch wieder nicht. Denn die deutsch-deutschen Angelegenheiten, sie drängen sich unvermeidlich ins Gespräch. Sicherlich könne der Föderalismus, sagt Wagner, nicht nur in Bonn gedeihen, doch neben einer Hauptstadt Bonn hätten es die Länderzentren wohl leichter. Überdies komme es auf die Stärke des Föderalismus an. Zu viele Länder heiße auch schwache Länder, eine Beute des Zentralismus. Acht bis zehn Länder wären genug. Aber "Modellspiele" will der Ministerpräsident nicht anstellen, noch nicht.

Später fällt der Satz: "Der Entspannungsprozeß führt bei mir zunächst nur zu wirtschaftlichen und finanziellen Belastungen." Damit sind die Probleme gemeint, die durch den Abzug amerikanischer und französischer Truppen entstehen; offen scheint auch, ob die Bundeswehrschule für Innere Führung in Koblenz bleibt. Das schafft einerseits Arbeitsplatzsorgen und andererseits Platz für die Ansiedlung neuer Unternehmen. Doch eine namhafte Firma steht vor der Frage, ob sie in Rheinland-Pfalz oder in der ehemaligen DDR investieren soll. Und die drei Milliarden, die das Land zum Einheitsfonds beisteuert, erhöhen erst einmal seine Verschuldung. Bei den Landesvorhaben, so Wagner, "wird es irgendwo knirschen": Es geht um Prioritäten, um Sparen und Strecken.

Die abendliche Runde soll auch Werbung der diskreten Art sein, Teil der weitverzweigten Bonner Informationskanäle. Rheinland-Pfalz versteht sich darauf. Johannes Neukirchen, der ständige Vertreter Hills, hat da einst als Pressereferent eine Tradition begründet. Das Land steht vor Wahlen, zwar erst im nächsten April, aber die Graswurzelarbeit muß beizeiten anfangen, sowohl für das Land selber als auch für die regierende CDU, die sich zwar nach ihren internen Querelen zu erholen beginnt, doch die SPD noch dicht auf den Fersen hat.

Trocken sagt Carl-Ludwig Wagner, man gehöre inzwischen "zur oberen Hälfte in der Bundesrepublik". Er ist ein ganz ruhiger Mann. Man glaubt ihm, wenn er versichert, daß er sich, Wiederwahl vorausgesetzt, nicht wegen der internen Querelen, sondern aus Eigenem in zwei Jahren zurückziehen und das Feld dem CDU-Landesvorsitzenden und Konkurrenten Hans-Otto Wilhelm überlassen wolle.

Und glaubwürdig wirkt dann auch, wenn er seine Sorgen ausbreitet – neben den Entspannungsbelastungen zum Beispiel das Unbehagen gegenüber einer zentralistischen EG-Strukturpolitik, die dazu führen kann, daß das Land für die noch zurückgebliebene Eifel oder Westpfalz nicht mehr viel tun kann, sondern zusehen muß, wie etwa Andalusien vorgezogen wird.

Das ist nützlicher Hintergrund und sozusagen ein Trost im zeitgenössischen Bonn mit seinen heftigen Aufgeregtheiten und seiner, was Wunder, Fixierung auf die Einheit. Den längeren Atem, die drei Schritte zurück vor den Tagesproblemen, es gibt sie auch noch.

Carl-Christian Kaiser