Von Johannes Voswinkel

Eigentlich hat der Darß gar keinen Zipfel. Zumindest nicht auf der alten DDR-Wanderkarte. Denn der Leuchtturmweg von Prerow zur Spitze der Ostsee-Halbinsel Darß-Zingst endete unvermittelt am Kartenrand zwischen den Koordinaten D und E. Und in Wirklichkeit blieb der Wanderer früher an einem doppelten Drahtzaun hängen, durch dessen enge Maschen die Wachhunde nicht einmal ihre Schnauzen stecken konnten. Der Zipfel, Darßer Ort genannt, war Sperrgebiet der Nationalen Volksarmee und so geheim, daß er sogar von Landkarten getilgt wurde.

Heute ist der Weg zur Seespitze wieder frei, denn die Armee hat den Darßer Ort verlassen. Zurück blieb, von ein paar Bausünden abgesehen, ein unberührtes Naturparadies in den Dünen. Zur Freude der Naturschützer beschloß der letzte Ministerrat der DDR am 12. September, an der Grenze von Ost-Mecklenburg und Vorpommern, genau zwischen Darß und der Insel Rügen, den Nationalpark "Boddenlandschaft" einzurichten. Die seichten Ostseebuchten werden Bodden genannt, weil die Fischer an jeder Stelle mit dem Ruder an den Grund, niederdeutsch boddem, reichen können.

Die ostdeutsche Regierung stellte kurz vor der Einheit mehr als zehn Prozent der Gesamtfläche der ehemaligen DDR unter Naturschutz. Demgegenüber erweist sich die alte Bundesrepublik mit 0,8 Prozent als knickriges Brüderlein. Aber dennoch ist die Freude in manchen der neuen Schutzgebiete nicht ungetrübt, so auch auf dem Darß: Es gibt Streit um den Zipfel.

Der Darßer Ort ist seit 1957 Naturschutzgebiet, aber das kümmerte die Volksarmee wenig: Sie baute 1962 ohne Genehmigung einen kleinen Hafen und später eine Feriensiedlung. In den schnieken Bungalows erholte sich der ehemalige Verteidigungsminister Hoffmann von der Bürde seines Amtes. Dazu standen ihm und seinem Gefolge immerhin zwölf Kilometer Strand zur Verfügung.

Der Hafen und die Siedlung sollen nun verschwinden – so wünschen es sich Hartmut Sporns, Leiter des Aufbauamtes Nationalpark, und Wolfgang Fischer, der für die Umweltstiftung WWF-Deutschland mitarbeitet. Die beiden Naturschützer sind zum Hafen geradelt, dem Zankapfel Nummer eins.

Im Becken dümpeln ein Seenotrettungsboot und mehrere Bergungsschiffe. Auf der Kaimauer steht der Bürgermeister aus dem nahegelegenen Prerow. Diethart Kröpelin hat Pech: Während er seine Argumente für den Erhalt des Hafens vorbringt, zieht auf dem Wasser eine Öllache langsam vorbei in Richtung offene See. Der schillernde Schandfleck mitten im Nationalpark beirrt Bürgermeister Kröpelin allerdings wenig: "Sehen Sie, so was passiert ohne Hafenmeister." So einfach ist das also.