Die Propaganda der NSDAP vor 1933 war nicht so wirksam wie angenommen

Von Willi Jasper

Für jemanden, der nach dem Krieg geboren wurde, ist es nach wie vor unbegreiflich, wie es dazu kommen konnte, daß Millionen von Menschen aus rassischen, politischen oder religiösen Gründen in den Gaskammern der Nationalsozialisten ermordet wurden und daß Abermillionen ihr Leben auf den Schlachtfeldern ließen. Nach wie vor gibt es keine schlüssige wissenschaftliche Erklärung für diesen Sieg der Barbarei in einer als hochzivilisiert geltenden Kulturnation. Offen sind die Fragen: Wäre das zu verhindern gewesen? Kann es sich wiederholen?

Unsere Vorstellungen vom "Dritten Reich" sind weitgehend geprägt durch Bilder, die die Nationalsozialisten selbst propagiert haben: marschierende SA-Kolonnen, flatternde Hakenkreuzfahten, fanatische Redner und jubelnde Menschen. Die historischen Standardwerke über den Nationalsozialismus gehen fast ausnahmslos davon aus, daß die Propaganda der NSDAP in der "Kampfzeit" ähnlich wirkungsvoll gewesen sei wie nach 1933. Exilierte Psychologen, Soziologen und Philosophen wie Wilhelm Reich, Walter Benjamin oder Ernst Bloch haben frühzeitig kritisiert, daß die Darstellung einer effizienten, von Goebbels virtuos bedienten Manipulationsmaschinerie, der man sich praktisch wehrlos gegenübergesehen habe, der Entlastung von eigener Verantwortung diene. Neuere regional- und lokalhistorische Untersuchungen kommen zu dem Schluß, daß man sich bewußt manipulieren lassen wollte. "Der Akzent liegt", wie Bloch schreibt, "nicht auf der Entlarvung des ideologischen Scheins, sondern auf der Musterung des möglichen Rests." Jetzt liegt ertmals der Versuch einer empirischen Gesamtdarstellung von Konzeption, Organisation und Wirkung der NSDAP-Propaganda in der "Kampfzeit" vor.

In seinem Buch über die NS-Propaganda untersucht Gerhard Paul vor allem die konzeptionellen Grundlagen und Regieanweisungen für die Reichstagswahlkämpfe vor 1933, schildert Aufbau und Funktionsweise der "Reichspropagandaleitung", rekonstruiert die Reichspräsidentenwahl von 1932, analysiert die unterschiedlichen Zielgruppen und versucht, die eingesetzten Medien in systematischer Vollständigkeit darzustellen. Er stützt sich dabei auf bisher kaum berücksichtigte Archivbestände des Berliner Document Center sowie unbekannte Bildarchive. Sein Hauptanliegen ist die visuelle Aufklärung der Vergangenheit, die "Dechiffrierung der Bilder des Nationalsozialismus und seiner Bildstrategien". Untersucht wird ein "Aufstand emotionsgeladener Bilder" gegen die "dürre Sprache" der Demokratie.

Gewalt der Rede

Das wichtigste und überraschende Ergebnis der Studie ist die Erkenntnis, daß die Propaganda der NSDAP vor 1932 schlecht organisiert und bei weitem nicht so wirksam war, wie in der Regel behauptet wird. Den Wahlerfolgen der Partei, so der Autor, "hinkte der Ausbau der NS-Propagandaorganisation hinterher. Insbesondere der Wahlerfolg von 1930 erwies sich als relativ unabhängig vom organisatorischen Ausbau der Parteipropaganda." Die verblüffende These lautet, daß "ein großer Teil der NSDAP-Wählerschaft die Partei Hitlers unabhängig von deren propagandistischer Selbstdarstellung wählte". Außerhalb des tradierten Erkenntnisrahmens liegt auch die Feststellung, daß die Nazi-Propaganda bis 1933 "unter chronischem Geldmangel" litt. Keine der ausgewerteten Quellen läßt, wie im Standardrepertoire der marxistischen Faschismus-Forschung behauptet, "eine großzügige Finanzierung der Hitler-Propaganda durch Industriespenden" erkennen. Die Propaganda der NSDAP vor 1933 mußte sich überwiegend selbst finanzieren. Haupteinnahmequelle waren Eintrittsgelder für Massenveranstaltungen, auf denen Hitler oder Goebbels sprachen.