Von Paul Michael Lützeler

Ein Beispiel für die sprachlichen Feuerwerkskörper des Andreas Neumeister: "Mit Heidiheidi will sie auf einen netten Kanalbauernhof flüchten und sich dort in einer Art Inseldasein von allem Jasagersiechtum erholen. In Gesellschaft von Limona und Momika könnten ihnen dort weder Nasalteufel noch Querbeter irgend etwas anhaben. Die Politpüromanie der abgefeimten Randhunde erinnere Carline, genauso wie auch Sandine und Ottila, nur an die billigen Uferwitze der ewigen Teebeutelschneider."

Hätte man einen Prosatext der klassischen Moderne vor sich, würden sich germanistische Deutungstüftler ins Zeug legen, um den symbolischen oder metaphorischen Gehalt der "Randhunde" und "Querbeter" nachzuspüren. Neumeister betreibt solche Wortschöpfungen auf spielerische Weise, und zu seinem Spielverhalten als Autor gehört, daß er die zitierte Stelle vorwegnehmend bereits in seinem ersten Buch "Apfel vom Baum im Kies" (1988) erläutert hat.

"Schon frühzeitig ist mir klargeworden", heißt es da, "daß die alten Begriffe durch neue, unverbrauchte, ersetzt werden müßten." Zum Scherz schlägt er dort die Reform des Telegramm-Alphabets vor, und so werden an die Stelle der üblichen "N, wie Nordpol", "O, wie Otto", "P, wie Paula" die Signaturen "N, wie Nasalteufel", "O, wie Ottila", "P, wie Politpüromanie" und so weiter gesetzt. Ohne weitere Erklärung hat der Autor im vorliegenden Buch die Wörter aus dieser neuen Buchstabiertafel zu einem dadaistisch-surrealistischen Sprachscherz zusammengestellt.

In beiden Prosabänden verzichtet Neumeister auf eine Gattungsbezeichnung. Der Roman ist das geduldigste und flexibelste Medium in der Literatur, und sein Etikett hätte auch hier – nach allen Experimenten, die bereits mit ihm angestellt worden sind – bemüht werden können. Aber offenbar will der Autor seine Bücher mit sowenig literarischer Traditionsschwere wie möglich belasten. Beide Bände sind, was ihre Struktur betrifft, zum Verwechseln ähnlich: Sie können jeweils vom Anfang, von der Mitte, vom Ende oder von irgendeiner Stelle des Textes her gelesen werden, denn einen Beginn, ein Zentrum und einen Schluß im Sinne des herkömmlichen Romans gibt es nicht. Und in beiden Fällen handelt es sich um eine Mischung aus autobiographischen Erinnerungen, historischen Reminiszenzen, Ortsbeschreibungen, surrealen Szenen, ideologie- und gesellschaftskritischen Reflexionen und Sprachspielen, die von aphoristischen Tiefsinnigkeiten über paradox-ironische Scherze bis zu Kalauern und zur puren Blödelei reichen. Nur eines wird nicht angestrebt: eine zusammenhängende Geschichte zu berichten. Erzählt wird allerdings ununterbrochen, aber es sind jeweils Mini-Stories, die sich nicht zu einem Ganzen, zu einem "Erzählwerk" fügen.

Andreas Neumeister gehört mit seinen dreißig Jahren der jungen Schriftstellergeneration im deutschen Sprachgebiet an. Ihm gelingt spielend, was den Spät-Realisten und Spät-Modernisten der Gruppe 47 und der 68er-Generation nicht möglich war: den Abschied von der klassischen Moderne zu nehmen, das zu schreiben, was man in den USA, in Lateinamerika und in Italien seit über zwei Jahrzehnten als postmoderne Literatur bezeichnet und wofür dort Namen wie Thomas Pynchon, Julio Cortazar und Italo Calvino stehen. Die Sinnüberfrachtung und sprachliche Verknappung bis zur Unverständlichkeit hat zu einer Erschöpfung der literarischen Moderne geführt.

Die Übergänge von der Moderne zur Postmodeine sind in der Dichtung wie in anderen Gebieten fließend, und so ist es schwer, die Differenzen präzis zu benennen. Doch läßt sich sagen, daß es in der Literatur der Postmoderne weniger angestrengt und ambitiös, weniger totalitätssüchtig und mythosorientiert, weniger utopieversessen und manifesthaft, weniger ideologisch und entschieden, weniger hermetisch und dunkel, weniger stilrein und hochkulturell zugeht. Dagegen kommt das Spielerische, Zitathafte, die Gattungsmischung, das Populär-Kulturelle, die Alltagssprache, das Autobiographische, das Geschichtliche, das Lokale beziehungsweise Regionale, die Entdeckungsfreude, das weltanschaulich Offene, Unsichere, Nicht-Festgelegte stärker zur Geltung.