Wie ein Pharmakonzern heimlich Bakterien manipulierte und damit Unheil stiftete

Von Hans Harald Bräutigam

Gegner der Gentechnik sehen sich bereits mit ihren Warnungen in trauriger Weise bestätigt: Mehrere tausend Menschen sind nach Einnahme einer gentechnisch hergestellten Aminosäure namens L-Tryptophan teilweise schwer erkrankt, mehr als zwanzig vermutlich sogar daran gestorben. L-Tryptophan ist lebensnotwendig (essentiell) zum Aufbau von Eiweiß und muß mit der Nahrung aufgenommen werden, da der Korper diesen wichtigen Baustein nicht selbst herstellen kann. Da Tryptophan in ausreichenden Mengen zum Beispiel in Kartoffeln, Milch oder Fleisch vorkommt, besteht üblicherweise kein Mangel an dieser Aminosäure. Dennoch fand dieses "biologische" Mittel in den letzten Jahren reißenden Absatz, insbesondere zur Bekämpfung von Schlaflosigkeit oder als Nahrungsmittelzusatz für Bodybuilding. Einige amerikanische Hersteller haben massiv für die Verwendung von L-Tryptophan als Diätetikum geworben. Jahrelang ging auch alles gut, unerwünschte Nebenwirkungen des vorwiegend von japanischen Fabrikanten vertriebenen und als besonders "naturlich" bezeichneten L-Tryptophans wurden nie beobachtet.

Eine rätselhafte Krankheit

Das änderte sich schlagartig, als im Oktober vergangenen Jahres amerikanische Ärzte in Neu-Mexiko und Minnesota eine auffallende Häufung einer rätselhaft erscheinenden Krankheit beobachteten. Die Menschen klagten über heftige Muskelschmerzen (Myalgie), über Ausschläge und Verhärtungen der Haut. Gleichzeitig war ihr Blutbild auffällig verändert (Eosinophilie), das heißt, bestimmte weiße Blutkörperchen traten vermehrt auf, als litten die Patienten an einer akuten Infektion oder Allergie. Die Mediziner meldeten diese neue Krankheit als Eosinophilie-Myalgie-Syndrome (EMS) den Zentren für Seuchenkontrolle (Centers for Disease Control, CDC) in Atlanta. Die Nachforschungen des CDC haben ergeben, daß alleine in den Vereinigten Staaten seit Juli 1989 über 1500 Menschen an EMS erkrankt sind, von diesen seien bereits 24 verstorben.

Edward Belongia vom CDC und Craig Hedberg von der Gesundheitsbehorde in Minneapolis-St. Paul haben herausgefunden, daß alle EMS-Patienten zuvor Tryptophan entweder als Mittel gegen Schlaflosigkeit, Depression oder als Lebensmittelzusatz genommen hatten. Bei ihrer Fahndung nach dem Hersteller des in den Vereinigten Staaten zu Tabletten oder Pulver verarbeiteten Tryptophans wurden sie rasch fündig: Das angeschuldigte L-Tryptophan stammte ausschließlich von dem japanischen Hersteller Showa Denko, der sich auf Fermentationsprodukte spezialisiert hat. Solche Erzeugnisse wie Bier, Hefe, Reiswein oder das in Japan so gern verzehrte, nach nichts schmeckende Tofu haben im fernöstlichen Land eine lange Tradition. Auch biotechnisch gewonnene Tryptophanprodukte wurden immer beliebter und beim Export ein Renner. Allein in St. Paul, der Hauptstadt des US-Bundesstaates Minnesota, haben etwa zwei Prozent der Einwohner regelmäßig Tryptophan zu sich genommen.

Die amerikanische Arzneimittelbehörde (FDA) hat schon bald nach den Feststellungen des CDC die Zurücknahme aller tryptophanhaltigen Präparate angeordnet und die Behörden außerhalb der Vereinigten Staaten davon unterrichtet. Das Bundesgesundheitsamt (BGA) in Berlin hat mit einiger Verzögerung reagiert und zunächst für die Indikation "Depression", später auch für die Behandlung von Schlafstörungen eine Anwendung von Tryptophan untersagt. Die Klärung, warum ausgerechnet das von Showa Denko hergestellte Tryptophan diese Nebenwirkungen aufwies, stieß zunächst auf Schwierigkeiten.