Anders als in der Bundesrepublik müssen für alle in den USA vertriebenen Pharmaprodukte präzise Herstellungs- und Produktbeschreibungen in der sogenannten "Drug-Masterfile" bei der FDA hinterlegt werden. Die Beamten in Washington konnten aus den hinterlegten Dokumenten allerdings nicht entnehmen, daß von Showa Denko erhebliche Änderungen in der Herstellung von L-Tryptophan vorgenommen wurden. Die Aminosäure sei wie üblich in einem Fermentationsverfahren mit dem Bakterium Amyloliquefaciens hergestellt und das Gärungsprodukt anschließend mit Aktivkohle gefiltert worden. Das Reinheitsgebot für das fertige biotechnisch hergestellte Produkt sei eingehalten und fortlaufend überprüft worden, hieß es. In der Tat, mit einem üblichen Reinheitsgrad von etwa 98 Prozent war das L-Tryptophan von Showa Denko bei ersten Analysen nicht auffällig.

Auffällig war jedoch bei einer in Minnesota angestellten gründlichen Untersuchung eine als "Peak E" bezeichnete, nicht weiter charakteristische Verunreinigung, die nur bei dem von Showa Denko in den Jahren 1988 bis 1989 hergestellten Tryptophan auftrat. Da in den Produkten aller anderen japanischen Hersteller der "Peak E" fehlte, lag der Verdacht nahe, daß Showa Denko klammheimlich das Herstellungsverfahren umgestellt haben könnte.

Und tatsächlich haben nach Japan gereiste amerikanische Wissenschaftler des CDC und der FDA feststellen müssen, daß das Bakterium Amyloliquefaciens durch gentechnische Manipulationen verändert worden war. Die Japaner hatten die Erbsubstanz der Bakterien, die DNA, so zurechtgeschnitten, daß ein neu geschaffener "Stamm V" des Bakteriums mehr Tryptophan produzieren konnte. Da diese gentechnisch hergestellten Lieferanten sogar ein – dem Anschein nach – noch reineres Produkt als vorher absonderten, waren die Forscher sehr zufrieden. So mußte auch für die Reinigung weniger Aufwand getrieben werden.

Möglicherweise war dies die entscheidende Sünde. Edward Belongia und Craig Hedberg haben nämlich nachgewiesen, daß der für die EMS verantwortliche "Peak E" nicht mehr auftritt, wenn Tryptophan durch einen reinigenden Osmosefilter geschickt wird. Wie EMS entsteht, bleibt weiterhin ungeklärt. Zweifelsfrei ist nur, daß nicht L-Tryptophan krank macht, sondern sehr wahrscheinlich die als "Peak E" charakterisierten Verunreinigungen, die bei der gentechnischen Herstellung auftreten. Bei der Vollfermentation stellen die Bakterien aus einer Nährlösung, die Zucker und Ammoniak enthält, das L-Tryptophan her. In einer kürzlich publizierten Mitteilung des CDC wird die Vermutung geäußert, daß die gentechnisch manipulierten Mikroorganismen in sehr geringen Mengen zwei miteinander chemisch verbundene, veränderte Tryptophanmoleküle herstellen. Diese könnten für die Entstehung von EMS verantwortlich sein.

Anwälte schalten sich ein

Bei der ersten internationalen Konferenz über EMS, die vor wenigen Wochen im texanischen Los Alamos stattfand, äußerte Henry Falk vom CDC den Verdacht, daß mittlerweile mit fast 10 000 mehr oder weniger lebenslang geschädigten EMS-Patienten zu rechnen sei. Das hat naturlich auch Rechtsanwälte auf den Plan gerufen, und ein Abgesandter des gefürchteten kalifornischen Staranwalts Melvin Belli soll nach Berichten eines Teilnehmers strafrechtliche Sanktionen angekündigt haben. Mit berechtigten Schadensersatzansprüchen müssen auch deutsche Firmen rechnen, die Tryptophan von Showa Denka bezogen haben.

L-Tryptophan wird als lebensnotwendiges Medikament auch bei der Dialyse von chronisch Nierenkranken eingesetzt. Die für die Herstellung künstlicher Nieren renommierten Fresenius-Werke in Oberursel gehörten ebenfalls zu den Kunden des japanischen Herstellers. Auf Anfrage der ZEIT hat Fresenius mitgeteilt, daß Showa Denko erst im April diesen Jahres, entgegen vertraglichen Lieferbedingungen, die gentechnische Produktionsumstellung offengelegt habe. Etwa siebzig deutsche EMS-Patienten werden wohl entschädigt werden. Das notwendige Geld dürfte allerdings nur zu einem geringen Teil vom Verursacher dieser Misere stammen: Insider befürchten, daß Showa Denko bald pleite sein wird.

Obwohl die Vorgange in Japan und die Ursache der EMS noch einer genauen Klärung harren, fordern Aktivisten wie der gefürchtete amerikanische Gentechnik-Kritiker Jeremy Rifkin einen sofortigen Produktionsstopp für alle gentechnischen Verfahren. Daß auf diesem Wege inzwischen mehrere lebensrettende Medikamente hergestellt werden, kümmert ihn offenbar wenig. Die Tryptophan-Horrorstory durfte allerdings ein Lehrstuck dafür werden, daß die Gentechnik ein zweischneidiges Schwert ist, das bei sorglosem Umgang tödlich wirken kann.