Von Christian Wernicke

Ostberlin, im Oktober

Seit der Herbst-Wende vor einem Jahr pflegt die deutsche Politik das Gebet vor der Debatte. So steht auch vor der jeweils ersten Landtagssitzung in den fünf ostdeutschen Bundesländern der Kirchgang. Anschließend folgt die feierliche Inszenierung dessen, was bisweilen leicht pathetisch "die zweite Phase der deutschen Revolution" genannt wird – die Konstituierung der Regionalparlamente als symbolischer Akt der Schöpfung neuer Staatlichkeit zwischen Oder und Elbe.

Bislang gestaltete sich die Re-Föderalisierung nach 38 Jahren sozialistischen Zentralismus eher farblos. Während das Feuerwerk am 3. Oktober über Berlin dem Gesamtstaat huldigte, blieb der Aufbau neuer politischer Identitäten im dunkeln. Der Zwang, sich so schnell wie möglich dem politischen Alltag zu widmen, hat auch die Stunde Null zur schmucklosen Verwaltungsangelegenheit werden lassen.

Die Perspektiven sind düster: Ostdeutsche Massenarbeitslosigkeit und ökologische Katastrophe hüllen die Landespolitik allerorten in einen Grauschleier. Da bleibt kaum Zeit für Detailkonflikte der Parteien. Sie eint der gemeinsame Blick zurück im Zorn. Das "Modell Westdeutschland" gilt mit kleinen Abstrichen und Vorbehalten, aber es gilt. Bonner Raster mögen, wie in Brandenburg, große Koalitionen zwischen vermeintlich links und angeblich rechts verhindern. Dennoch werden viele Zukunftsfragen nur im interfraktionellen Konsens beantwortet werden können. Mancher Streit über die richtige Schulpolitik oder die Chancen für mehr Bürgerbeteiligung würde weniger Funken schlagen, stünden am 2. Dezember nicht schon wieder Wahlen an.

Seit dem 14. Oktober herrscht östlich der innerdeutschen Wohlstandsgrenze langweilige Sachbezogenheit. Das gilt vor allem für Sachsen, wo Kurt Biedenkopf mit absoluter Mehrheit zum Ministerpräsidenten gekürt werden dürfte. Er hat sich schon jetzt mit seinem Parteivorsitzenden und Bundeskanzler Helmut Kohl angelegt: Sein Land brauche mehr Geld und mehr Kompetenzen. Schon kennt er keine Parteien mehr, schon kennt er nur noch Sachsen.

Ähnlich nüchtern und berechnend geht es in Thüringen und Sachsen-Anhalt zu, wo zwei blasse Christdemokraten mit den Liberalen die Bedingungen für ihre Regierungsbündnisse aushandeln. Ein Ingenieur namens Josef Duchac und ein Tierarzt namens Gerd Gies, beide seit langen Jahren in der CDU aktiv, erwachsen nun zu Landeschefs von Bundes Gnaden: Der Bonus von Helmut Kohl überstrahlte alle, auch unionsinternen Zweifel. Für ihre eigene Karriere wie für die Zukunft ihrer Länder wird entscheidend sein, wie schnell sie sich jeweils als Anwälte ihrer Heimat profilieren können. Ob die FDP dabei zwei von acht Ministerien wie in Thüringen oder eben drei von zehn Ministerien als Preis für die Koalition aushandelt, bleibt da eher eine Marginalie.