Von Heinz Josef Herbort

Eigentlich hatte er einen Gletscher besteigen wollen. Aber nun kümmert sich der Herr im grauen Zweireiher und passenden Überzieher, mit Hut, Stock und Glacehandschuhen doch lieber um die von Einsamkeit gequälte junge Dame. Wer wollte etwas dagegen haben. Daß dieser Herr anschließend in einem Boudoir mit Wolkenstores ein spätbarockes Thema auf dem Klavizimbel intoniert, daß er uns auch noch glauben machen will, dies habe er soeben komponiert und die Piece gehöre zu seinem neuen Œuvre, das demnächst an der Pariser Opera zur Uraufführung anstehe – nun, das ist schon eine arge Zumutung. Aber es geht noch skurriler zu: Ein Jazzgeiger bedrängt die Dame – ein Stargeiger befreit sie. Der Jazzgeiger stiehlt dem Stargeiger das wertvolle Instrument – der Stargeiger erhält als Liebeslohn den Ring des Komponisten. Der Komponist hört im Radio sein Lied und steht vom Selbstmord ab – der Stargeiger erkennt im Radio sein Instrument, läßt aber den Falschen verhaften. Der Jazzgeiger befreit den Komponisten, der mit neuem Lebensmut auf den abfahrenden Zug springt – der Stargeiger gerät unter die Lokomotive. Der Jazzgeiger spielt den Rhythmus der Neuen Welt – und alle fallen in einen euphorischen Jubel ein.

Dies ist der Plot von "Jonny spielt auf", erstmals gezeigt am 10. Februar 1927 im Stadttheater Leipzig, und die Schubladen-Sortierer nannten es damals ein "Zeitstück". In der "Oper Leipzig" anno 1990 freilich klingt der Text des Schlußchores, auch wenn er 63 Jahre alt ist, ebenso beklemmend wie befreiend aktuell: "Die Stunde schlägt der alten Zeit, die neue Zeit bricht jetzt an. Versäumt den Anschluß nicht. Die Überfahrt beginnt ins unbekannte Land der Freiheit."

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Wer zu spät kommt, den bestraft bekanntlich das Leben – seit einem Jahr wissen wir, wie hintergründig Aphorismen sein können. Denn nur mit dem ersten Schlag traf die strafende Instanz diesmal "die da oben", stürzte sie "die Mächtigen vom Thron und erhöhte die Niedrigen". Bald schon merkten wir, daß der Satz aus dem Buch der Weisheiten des M. G. auch für so manchen anderen gilt, der zunächst gar nicht und gewiß nicht in dieser Weise damit gerechnet hat.

Für uns etwa hat dieses richtende Leben eine vernichtend peinliche Erkenntnis parat: nämlich daß wir – von der Geschichte ja sogar als Besserwisser beglaubigt – in der Schlußrunde zwar hektisch schnell, im Endeffekt aber viel zu spät kamen oder gar immer noch nicht kommen.

Da hilft kein Hinweis auf unsere vielfältigen Wohltätigkeiten damals und kein akrobatischer "Perspektivenwechsel" heute: Wir werden "bestraft" werden – ob direkt mit höheren Steuern oder mit Privilegienverlust, ob indirekt mit noch mehr "ökonomisch bedingtem" Kulturabbau und noch mehr Anpassung, mit noch weniger wirklicher Unabhängigkeit und damit Bereitschaft zum Risiko, mit noch weniger Engagement, beispielsweise für die diversen Unterprivilegierten dieser unserer hedonistischen Konsumgesellschaft.