Einen weiteren Schritt zur Wirtschafts- und Währungsunion (WWU) wollen die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Gemeinschaft tun, wenn sie am Wochenende in Rom zu einem außerordentlichen Gipfeltreffen zusammenkommen. Nachdem Bundeskanzler Helmut Kohl den spanisch-niederländischen Kompromißvorschlag akzeptiert hat, am 1. Januar 1994 die WWU einzuläuten, stemmen sich nur noch die Briten gegen den Sprung nach vorn.

Just vor dem Rom-Gipfel macht die EG-Kommission Stimmung für die WWU, indem sie eine umfangreiche Untersuchung über deren Kosten und Nutzen veröffentlicht. Ihr Tenor: Der wichtigste Vorteil ist eine größere wirtschaftliche Effizienz, da eine einheitliche Währung zu Kostensenkungen führt. Entfällt das Wechselkurs-Risiko, kann auch mit höheren Investitionen gerechnet werden, da neue Vorhaben etwas schneller rentabel werden. Niedrigere Inflationsraten und geringere Schwankungen von Produktion und Beschäftigung, also mehr Stabilität, sind weitere positive Folgen, die eine WWU in der Gemeinschaft mit sich bringen dürfte.

Doch die Kommission schildert in ihrer Zusammenfassung der Studie die WWU allzu blauäugig als Übergang zu einem Goldenen Zeitalter. Lediglich der Verfall der Wechselkurse wird als Kostenfaktor ausdrücklich genannt, seine Konsequenzen bleiben weitgehend im dunkeln.

Genaues Nachlesen im 330 Seiten starken Bericht fördert aber interessante Erkenntnisse zutage. Wenn der Anstieg des Preisniveaus nicht mehr durch die Anpassung des Wechselkurses aufgefangen werden kann, müssen entweder die Löhne sinken, oder es muß eine höhere Arbeitslosigkeit in Kauf genommen werden, um Wettbewerbsfähigkeit zu sichern, heißt es in der Analyse. Und dies nicht nur in der Phase des Übergangs zur vollen WWU, sondern auch später, weil nicht alle EG-Länder in gleicher Weise von externen Schocks wie beispielsweise einem Ölpreisanstieg betroffen sind.

Eine Alternative bestünde in der höheren Mobilität der Arbeitskräfte, doch auch mit einer Währungsunion wird die EG nicht einem einheitlichen Wahrungsgebiet wie den Vereinigten Staaten vergleichbar. Die Bürger der EG sind nicht einmal halb so mobil wie die Amerikaner. Kulturelle und sprachliche Unterschiede werden ebenso wie die stark voneinander abweichenden Sozialversicherungssysteme auch in Zukunft größere Wanderungen verhindern.

Es gibt trotzdem die Möglichkeit, nicht nur die Arbeitnehmer der schwächeren Regionen mit den Kosten der Anpassung zu belasten. In der Studie wird darauf verwiesen, daß in föderativen Staaten wie den USA, der Schweiz oder der Bundesrepublik regionale Einkommensunterschiede zu dreißig bis fünfzig Prozent vom Zentralstaat ausgeglichen werden. Nationale Mittel aber werden in der Währungsunion weniger reichlich als bisher zur Verfügung stehen, weil der Zwang zu größerer Haushaltsdisziplin steigt.

Die Analyse kommt deshalb zu dem Schluß, daß wirtschaftliche Verwerfungen in einzelnen Regionen die EG "zu der Entscheidung führen könnten, die Rolle der zentralen Finanzierung zu verstarken. Sollte dies nicht möglich sein, können die regionalen Unterschiede so groß werden, daß einige Länder sich veranlaßt sehen, aus der Währungsunion auszuscheiden." Diese Perspektive belaste nicht nur die betroffenen Länder, sondern setze Fragezeichen hinter die Glaubwürdigkeit der ganzen WWU.